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Full text of "Die russische Revolution : eine kritische Würdigung"

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Die Russische 
Revolution 



Rosa Luxemburg 




INDIANA 
UNTVERSITY 
LIBRARY 



Die 

Russische Revolution 

^ Eine kritische Würdigung 

Aua dem Nachlass von 

Rosa Luxemburg 



Herausgegeben und eingeleitet 
von 

Paul Lerri- ' 



V 

Verlag Gesellschaft und Erziehung G. m. KBÜ 



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INDIANA un,.^:: LIBRARY 
AOe Hechte, auch das der Oiersetzuns vorbehalten 



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Vorwort 



Ich glaube in jeder Beziehung ein Recht zu haben, 
diese Broschüre zu veröffentlichen, Ihre Entstehungs- 
geschichte ist diese. Im Sommer 1918 schrieb Rosa 
Luxemburg Artikel für die „Spartakusbriefe" aus dem 
Breslauer Gefängnis, in denen sie sich kritisch mit der 
Politik der Bolschewiki auseinandersetzte. Es war die 
Zeit nach Brest-Litowsk, die Zeit der Zusatzverträge. 
Ihre Freunde hielten die Veröffentlichung damals nicht 
für opportun und ich schloss mich ihnen an. Da Rosa 
Luxemburg hartnäckig auf der Veröffentlichung beharrte, 
reiste ich im September 191g zu ihr nach Breslau, wo 
^■jch sie nach langer, ausführlicher Unterredung im 
i 1 Gefängnis zwar nicht uberzeugte aber bestimmte, von: 
itdem Druck eines neuerlich von ihr geschriebenen 
/"Artikels gegen die Taktik der Bolschewiki Abstand zu 
■ -.nehmen. 

Um mich von der Richtigkeit ihrer Kritik za 
überzeugen, schrieb Rosa Luxemburg die vorliegende 
Broschüre. Sie teilte mir den Inhalt aus dem Gefängnis 
in grossen Zügen durch eine vertraute Freundin mit, 
wobei sie bemerkte, sie sei eifrig an der Arbeit, eine 
ausführliche Kritik über die Vorgänge in Russland zu 
schreiben. „Ich schreibe diese Broschüre für Sie — 
fügte Rosa Luxemburg hinzu — und wenn ich nur Sic 



m 



dnmit überzeugt haben werde, so habe ich diese Arbeit 
nicht vergeblich geleistet" Als Material für die 
Broschüre dienten ihr nicht nur die deutschen Zeitungen, 
sondern die gesamte bii dahin erschienene russische 
Zeitungs- und ftrpjchürenliteratur, die damals durch die 
Russische Botschaft nach Deutschland kamen, und die 
ihr von vertrauten Freunden ins Gefängnis geschmuggelt 
^worden. 

Man wird mir von zwe! Seiten Vorwürfe machen; 
(die einen, dass ich sie erst Jetzt; die anderen, dass ich 
sie schon jetzt oder überhaupt veröffentliche (denn von 
gewisser Seite war der Broschüre der Flammentod zu- 
gedacht). 

Was den Zeitpunkt der Veröffentlichung angeht, 
so versteht sieh, dass er unabhängig war von Ausein- 
andersetzungen, die ich aus bekanntem Anlass mit den 
Bolschewik! hatte. Nach meiner Meinung wird der Zeit- 
punkt einmal bestimmt dadurch, dass die Herrschaft der 
"Boisehewikl In Russland heute gesicherter ist denn ja 
und m sieher als ale Uberhaupt sein kann, solange nicht 
.das westliche Proletariat Russland aus setner Isolierung 
befreit. Dann aber wird der Zeitpunkt bestimmt durch 
die Tatsache, dass die jetzige bolschewistische Politik 
von den aehwersten Folgen für die Arbeiterbewegung 
Europas begleitet sein wird und alle« getan werden 
wu*s, di* Selbetändigkelt der Kritik an den russischen 
'Vorgingen zu ß.dtra. Denn nur der, der kritisch 
denkt, vermag die Wahrheit von der Wge, das Dauernd« 
«an Zufälligen, den Edelstein vom Schutt zu sondern. 

IV 



So scheint mir die Veröffentlichung möglich und . 
dringend. 

Die Rote Fahne wird schreien? Äntibolschewisnuisl 
Dieses vermag ich nicht zu wanden; das liegt an ihren 
Redakteuren. 

Die Broschüre ist, wie ersichtlich, nicht vollendet 
An einzelnen Stellen ist der Gedankengang nur leicht 
aber doch' deutlich skizziert. Ich hätte es vorgezogen, 
ihn sinngemäss auszugestalten, habe aber davon Abstand 
genommen, um keinen Missdeutungen Raum zu geben. 
Ich habe lediglich einzelne Zitate, die im Manuskript 
nur nach Schlagworten zitiert waren, wörtlich eingesetzt, 
so, wie der freigelassene Raum die Absicht der Ver- 
fasserin bekundete. 

Ich habe in dem Nachstehenden mit Vorliebe und 
fast ausschliesslich Lenin oder Trotzki zitiert Ich 
fürchte, dass daraus der Eindruck entstanden sein könnte, 
als käme es mir darauf an, mich an Lenin „zu reiben". 
Nichts lag mir ferner als das. Ich habe im wesentlichen 
ihn zitiert weil man die russische Revolution und ihre 
Werke beurteilen soll nach den grossen Männern, die 
sie diliren; nicht nach den Schreibereien: weder ihres 
Narkissos noch ihres Thersites. 

Frankfurt a. M„ 14. November 1921. 



Paul Levi 



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Einleitung. 



„Auch ein Klaglied zu sein 
im Mund der Geliebten ist üan- 
lich . . ." 

Schiller, Heule. 



Es kann kein Zweifel sein: die Arbeiterschaft der 
Welt befindet sicii in einer schweren Krise. Und ober- 
flächlich wäre es, die Krise darin zu sehen, daß da 
und dorten in der Arbeiterschaft Verschiedenheiten der 
Meinungen hervorgetreten sind, die sich parteimäßig in 
guten oder in schlechten Formen gegenüberstehen. Das 
wäre an sich nicht schlimm und würde von der Arbeiter- 
schaft nicht als Krise gefühlt, wenn darüber hinaus nicht 
eine wirkliche Krise wäre. Die Arbeiterschaft der ganzen 
Welt ist aus dem Kriege herausgekommen in tiefster 
Not. Sie hat ihre Söhne und Brüder zu Millionen ge- 
opfert und erntet nun den Dank: Millionen und Aber- 
millionen von Arbeitslosen, gedrückte Löhne, den Zu- 
sammenbrach selbst der dürftigen Hßtte, die vor dem 
Kriege das Proletariat in der kapitalistischen Weif be- 
wohnte. Ein Vorgang wie der, des Zeugen wir sind. 



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Jet wohl fn der Ceschichfe noch nie 'gSwts8K: daß nicht 
-etwa wie die römischen proletarii in generationenlang 
..dauerndem Geschehen von der Höhe menschenwürdiges 
(Lebens in die Tiefen der Kloaken sanken, sondern daß 
Jin zwei, drei Jahren, in einem Lustrum höchstens, ein 
'Wandel sich vollziehen muß, der dem Proletariat die 
Zeiten vor dem Kriege als die paradiesischen muß er- 
scheinen lassen. Nicht ein Adam soll aus dem Para- 
diese vertrieben werden, um auf der Erde zu leben, 
tsondern Millionen, die wenigstens schlecht und recht 
auf der Erde lebten, sollen unter die Erde verbannt 
werden. 

Was Wunder, wenn jetzt mehr denn Je die Milli- 
onen auf den Sozialismus starren? Was Wunder, wenn 
<sie jetzt von ihm die Wunder erwarten, die niemand 
;geben kann? Was Wunder aber auch, wenn jetzt, 
gerade in dieser Situation, wo der Sozialismus von heute 
«auf morgen den Hungrigen kein Brot, den Dürstenden 
(keinen Wein geben kann und wo nur die klarste, 
(offenste Sprache den Proletariern Auge und Ohr öffnen 
(kann für das, was ihre eigene Aufgabe ist, es doppelt 
(schwer wirkt wenn sie Enttäuschungen sehen selbst 
Ha, wo sie bisher am kühnsten den Weg zum Sozialismus 
geschritten glaubten? Es darf uns allen nicht verborgen 
Jbleiben: wenn heute diese oder jene Rede Lenins, dieses 
toder jenes Dekret des Rates der Volkskommissare nach 
tdem Westen dringt, in dem die Massen eben einmal 
Y~ und da hilft kein Reden und kein Zureden — nicht 
Iden Weg zum Kommunismus, sondern -den Weg zum 

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Kapifalisrtfiis sefiefC so Ist das keine Angelegenheit 
die die Redaktionen der kommunistischen Blätter oder 
die Zentralleitungen der Kommunistischen Parteien in 
Verlegenheit setzt Es sind Dinge, die nicht einmal 
damit erledigt sind, daß die „Vorwärts"redaktion darüber 
boshafte Bemerkungen macht oder irgend ein ganz 
Kluger meint: also, das haben wir immer gesagt. Es 
sind Vorgänge, die die gesamte Arbeiterschaft, von 
der Sozialdemokratie bis zu den Kommunisten, aufa 
tiefste erschüttern und nirgendwo Triumph auslösen, 
sondern ein dumpfes Gefühl des Zweifels: nicht an der 
Richtigkeit der kommunistischen Politik in Rußland, 
sondern am Sozialismus überhaupt Man denke etwa 
an die deutsche Arbeiterschaft Sie sieht auf der einen 
Seile die Sozialdemokratie, die zu Stinnes geht. „Hinan 
zum Kapitalismus". Und sie sieht auf der anderen 
Seite den Kommunismus, der sich bisher mit jedem 
Zuge der russischen Sowjetpolitik identifiziert hat, und 
auch Lenin sagt: .Hinan zum Kapitalismus". Die beiden 
Antipoden der Arbeiterbewegung vereint in demselben 
Schlachtruf. Wir fürchten, die russischen Kommunisten 
haben die ganze verhängnisvolle Tragik, die ihre neueste 
Politik für die ganze Welt enthält, nicht voll erkannt 
Wir wollen nur etwa eine Tatsache erwähnen. Die 
Sowjetregierung hat in einer Note an die Regierung 
der Entente sich erboten, die russischen Schulden der 
zarischen Kriegs- und Vorkriegszeit zu bezahlen. Es 
mag sein — wir vermögen darüber nicht zu urteilen — 
daß die Lage des russischen Staates das erforderte. Und 

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wir reden auch gar nicht von den paar Milliarden, die 
Vielleicht die, an ungehobenen Schätzen, so reiche 
russische Volkswirtschaft nicht arm und die englisch- 
französische nicht reich mächen. Aber wir reden davon, 
welcher moralische Wert der internationalen Arbeiter- 
schaft dadurch verloren ging, daß sie sieht, wie ein 
sichtbares Zeichen des Widerstandes gegen den all- 
beherrschenden Kapitalismus dahinsinkt. 

Denn Tatsache ist doch: die russische Räterepublik, 
betrachtet und belächelt von den einen, geliebt und 
geheiligt von den anderen, ward doch von allen Prole- 
tariern empfunden als der erste heroische Anlauf gegen 
die Zwingburg des Kapitalismus. Ihr Bestand war für sie 
alle das lebendige Zeichen dalür, daß die bestehenden 
Gewalten des Kapitalismus keine ewigen sind. Sie 
War für alle Proletarier der erste Versuch, die Welt 
proletarisch 2U gestalten, und sie war so der größte 
.moralische Faktor, den die Arbeiterbewegung der Welt 
je besessen hat. Wir, die wir glauben, der russischen 
Revolution nach unseren schwachen Kräften zur Seite 
gestanden zu haben von ihrem ersten Tage an, wir 
glauben, auch jetzt mit aller Deutlichkeit sagen zu 
dürfen: wir sehen das unvergängliche Verdienst der 
Bolschewiki darin, daß sie vom ersten Tage der russi- 
scher, Revolution oa^.ach struttcti, das zu sein. Nicht 
das allein isl ihre GrOSe, da!? ric vom ersten Tage an 
die RrrmgenscJv.flcn »kr Kevoluhon. die die Ent- 
wicklung diT Gi'¥--!lsi"'r;ilskr;iilc in Rußland crmöjj'ii Hie, 
dadurch s^lieric.i. dali sie die Klasse an die Spitze 

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der Revolution setzten, deren Ziele in der Zukunft 
liegen, daß sie den Sieg für die Gegenwart durch ihren 
Kampf um die ZU erringende Zukunft sicherten, sondern 
mehr: mit faustischem Trieb wiesen die Bolschewik! 
in die Ferne, wiesen Über die ganze Welt und zeigten, 
wie all ihr Werk nur Stöckwerk sei, solange die Kräfte 
des Weltproletariats nicht mithelfen, es zu stützen. 
.Mein Feld ist die Welt". Das war vom ersten Tage an 
ihr Wahlspruch. Gewiß: die Weltproletarier sind nicht 
zu der russischen Revolution gestoßen, weder so rasch, 
wie es manche erwartet, noch auf die Weise, wie es 
einige versucht haben. Aber als Erwecker, als Rufer, 
als Sammler der proletarischen Kräfte der ganzen Welt 
hat Sowjetrußland eine Kraft ausgeübt, größer als je 
etwas zuvor. Wie sie in Rußland und damit auf der 
Welt „zum ersten Male die Endziele des Sozialismus 
als unmittelbares Programm der praktischen Politik" 
proklamierten und dazu, wie die geschichtliche Aufgabe 
es verlangt, ihre ganze Politik auf das Weltproletariat 
und seine revolutionäre Erweckung stützten, wie sie 
die steilste Lebensbahn unerschrocken, ohne Wanken 
der Knie, erklommen und mit unerschütterlicher Zähig- 
keit alles Denken auf den Sieg des Proletariates lenkten: 
so werden die Bolschewiki in fernster Zukunft den 
Proletariern unvergessen bleiben und „unverweslich sein 
und glänzen". 

Diese hohe Autgabe, die ihnen die Geschichte 
Überantwortet hat und die sie selbst freudig auf sich 
genommen haben, legt aber den Bolschewiki besondere 

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Verantwortung auf, nicht nur gegenüber dem nissi- 
schen, sondern gegenüber dem Well Proletariat Ihra 
Handlungen unterliegen der Kritik; sie müßten es soi 
wohl in Rußland wie im Ausland. Ueber die Zweck- 
mäßigkeit der Maßnahmen, mit denen sie sich dieser 
Kritik in Rußland entziehen, werden wir später noch 
einige Worte sagen und auch Rosa Luxemburg hat 
darüber bereits geredüt. Soweit die Gewalt der russi- 
schen Sowjetrepublik aber nicht reicht, versucht man 
sich Kritik vom Halse zu halten, indem man alle 
andere Meinung als „Oppoitunismns" oder „Mensche- 
wismus* diffamiert. Rosa Luxemburg hat in ihrer 
Schrift sich vom „Mens>.'hewismus" mit aller Deutlich- 
keit abgegrenzt und ist doch zu Resultaten gekommen, 
die ihr Urteil auch über die jetzige Politik der Bolsche- 
wiki .ahnen lassen. Wir schmeicheln uns deswegen aber 
nicht, daß nicht auch gegen diese Schrift mit denselben 
Schlagwörtern werde vorgegangen werden. Dos kann 
tins nicht abhalten von dem, was wir für notwendig 
halten, umsoweniger, als der häutige Oebrauch dieser 
Worte deren GE-t'iüirlichkcit nie!« gesteigert hat und wir 
der durch Tatsachen begründeten Ueberzeugimg leben, 
daß nicht allzuviele von denen, die das Wort „Mensehe- 
wisf- auf der Zunge führen, damit einen entsprechenden 
Gedanken verbinden. Es kann uns umsoweniger abhalten, 
als gerade jene Krise, in der die Arbeiterschaft der Weit 
sich befindet, es gebieterisch verlangt, kritisch Distanz 
zu gewinnen zu den Ereignissen in Rußland. Nur 
dann, wenn wir zu erkennen uns bemühen, ob und 



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welche Abiniingen in ftußland seien, wo die Quellen 
der Peliler seien, Vermögen wir den Massen zu zeigen, 
daß doch der Weg 211m Sozialismus der Weg ist, der 
au ihrer Erlösung fuhrt Wir hoffen, daß wir so Tau- 
sende dem Sozialismus erhalten und gewinnen, die sonst 
verloren gingen. Die Kritik, die heute an Ruötand ge- 
übt wird, Ist Balsam für die proletarische Bewegung. 
Und seibat dann, wenn die Kritik da und dorten iu 
weit geht — wir hotren nicht, daü das In den folgen- 
den Zeilen der Palt sei — mögen die, die die Kritik 
sngeht, sie so werten, wie Frau Pönsa in ihrem letzten 
Briefe an ihre Kinder tat: „Mittet Ihr mich weniger 
geliebt: ihr werdet mich jetzt weniger verdammen." 

II, 

- Seif dem Februar 1921 hat die Politik der Bolsche- 
wik! einen völligen Umschwung erfahren. Konzession 
reiht sich an Konzession, Kompromiß an Kompromiß. 
Wir glauben, übor den Verdacht hinweg au sein, als 
sahen wir im Kommunismus ein Ding, das irgendwo 
im strahlenden Blau des Himmels zurechtgezimmert 
und mit der Alternative: »dieses oder nichts" dem Prole- 
tariat irgend eines Landes oder dur Welt unter den 
Chrislbaum gelegt warde. Kompromisse sind ein Ding, 
dos überhaupt nicht zu umgehen ist; nicht revolutionär 
wäre es, über dem Kompromiß zu vergessen, die Kräfte 
des Proletariates nach Möglichkeit anzuspannen oder 
den von .Führern", Parlamentariern, Ministern ab- 
geschlossenen Kompromiß als des Werk einer höheren 



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Vorsehung dem traurigen Volke anzupreisen. Ein 
Kompromiß, das nicht kompromittiert, hat also, zwei 
Voraussetzungen. Die eine ist, daß die Natur des 
Kompromisses nicht verschleiert, sondern in ihrer 
Schwäche und Halbheit offen denunziert wird, die andere 
ist daß Ober das Kompromiß hinaus das zu verfolgende 
Ziel den Massen vor Augen gehalten wird. 

Sind die von den Bolschewik! seit Februar d. J, 
getroffenen Maßnahmen Kompromisse? Darüber ist 
eine eindeutige Aeußerung noch nicht gegeben und es 
empfiehlt sich daher, diese Maßnahmen zu vergleichen 
mit den ursprünglichen Absichten der Bolschewiki. Wir 
haben bereits oben angeführt, wie Rosa Luxemburg 
die Aufgabe der Bolschewiki als der von ihnen gewollten 
umschrieb. 

Lenin selbst definierte die Aufgabe früher 
folgendermaßen: 

„Auf der Tagesordnung steht darum eine neue, 
höhere Form des Kampfes gegen die Bourgeoisie, 
der Uebergang von der einfachsten Aufgabe der 
weiteren Expropriierung der Kapitalisten zu der 
erheblich komplizierteren und schwereren Aufgabe 
der Schaffung von solchen Bedingungen,- unter 
denen die Bourgeoisie weder existieren noch 
von neuem entstehen könnte."*) 
Es genügt, mit dieser Umschreibung der Aufgabe 
durch Lenin im Jahre 1918 die Ausführungen zu ver- 

*) Lenin: „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht." 
Berlin, Verlag der Kommunistischen Bibliothek. S. 10. 



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gleichen, die in seinen letzten Kundgebungen ent- 
halten sind, 

„Wenn die Geb,urt der Revolution in Deutsch- 
end sich noch verzügert, so ist es unsere Aufgabe, 
um Staatskapitalismus der Deutschen zu lernen, alles 
daranzusetzen, um Ihn auf unser Sowjetsystem zu 
Obertragen, keine diktatorische Maßnahme zu sparen, 
um die Uebernahme dieses westlichen Kulturerzeug- 
nisses durch das barbarische Rußtand zu beschleu- 
nigen, keine barbarischen Kampfmittel gegen die 
Barbarei zu Scheuen . . ." 

„Sollten wir versuchen, die Entwicklung jedes 
privaten, nicht staatlichen Austausches, d, h. des 
Handels, des Kapitalismus — eine Entwicklung, die 
bei dem Vorhandensein von vielen Millionen Klein- 
produzenten unvermeidlich ist — zu verbieten, zu 
unterbinden? Eine solche Politik wäre eine Tor- 
heit, ein Selbstmoni der Partei, die sie versuchen 
würde , . ." 

„Da wir noch nicht die Kraft haben, den un- 
mittelbaren Uebergängvon der Kleinproduktion zum 
Sozialismus zu verwirklichen, ist der Kapitalismus 
als natürliche Folge der Kleinproduktion und des 
Austausches bis zu einem gewissen drade un- 
vermeidlich. Wir müssen ihn ausnutzen (nament- 
lich Indem wir ihn in das Strombett des Staats- 
kapitalismus lenken) als Bindeglied zwischen der 
Kleinproduktion und dem Sozialismus, all Mittel, 



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Weg, Maßnahme, Methode zur Hebung der Pro- 
duktivkräfte." *) 

Wir glauben, an jenes erste Zitat keine Rerainis- 
cenzen aus der russischen Geschichte knüpfen zu müssen: 
wer etwa ähnlich sprach, ohne durch die Marx'sche 
Schule gegangen zu sein. 

Wir denken vielmehr, daß diese Gegenüberstellung, 
die beliebig vermehrt werden kann, für den Zweck 
genügt, für den wir sie hier vorgenommen haben: 
nämlich um zu zeigen, daß das Ziel der Bolschewiki 
1918 war, Bedingungen zu schaffen, unter denen der 
Kapitalismus nicht leben und nicht wieder zum Leben 
auferstehen kann, 1921 : Bedingungen zu schaffen, unter 
denen der Kapitalismus, wenn möglich, als Staats- 
kapitalismus und, wenn nicht möglich, als Privat- 
kapitalismus der gewöhnlichen Feld-, Wald- und Wiesen- 
art wieder auflebe. 

Nun geben wir aber eines ohne weiteres zu. Mit 
einer solchen Gegenüberstellung ist an sich gar nichts 
bewiesen. Welche Zielsetzung die wahrhaft revo- 
lutionäre ist, ergibt sich nie aus der mehr oder weniger 
„radikalen" Fassung. Nur primitive Kommunisten nach 
der Art Bela Kuns und seiner deutschen Gefährten (so- 
weit sie nicht umgelernt haben) sagen: General aufstand, 
was darunter ist, ist vom Uebel. In Wirklichkeit er- 
gibt sich der revolutionäre oder konterrevolutionäre 
Charakter irgend einer Zielsetzung nie aus ihrem 

") Lenin: Zur Naturalsteuer in „Die Kommunistische Inter- 
nationale". Nr. 17. S. 87, W, 103. 

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Wortlaut, sondern aus ihrem geschichtlichem Zu- 
sammenhang. Der, der etwa 1910 in Preußen Massen- 
demonstration mit dem Ziele „allgemeines Wahlrecht" 
verlangte, war viel revolutionärer als der, der etwa „dar- 
über hinaus" Arbeiter- und Soldatenräte verlangt haben 
wurde. So können wir auch aus diesen verschiedenen 
Zielsetzungen der Bolschewiki 1918 und 1921 unmittelbar 
keine Schlüsse ziehen, sondern müssen auf den geschicht- 
lichen Zusammenhang zurückgehen, aus dem heraus 
ihre Zielsetzung jeweils erwachsen ist 

III. 

Lenin versucht, die Konzessionen an den Kapitalis- 
mus auf folgende Weise schmackhaft zu machen: 

„Der Konzessionär ist ein Kapitalist. Er be- 
treibt sein Geschäft auf kapitalistische Art und 
Weise, um des Gewinnes willen; er willigt in einen 
Vertrag mit der proletarischen Macht ein, um einen 
außergewöhnlich hohen Gewinn zu erzielen oder 
um solche Rohstoffe zu erhalten, die er auf andere 
Weise überhaupt nicht oder nur mit größter 
Schwierigkeit erlangen kann. Die Sowjetmacht 
zieht ihrerseits Nutzen daraus, die Produktions- 
kräfte werden entwickelt, das Quantum der Er- 
zeugnisse wird sofort oder in kürzester Frist er- 
heblich vergrößert."') 

Es ist durchaus verständlich (wenn auch vielleicht 
nicht richtig), daß ein kommunistischer Schriftsteller 
*; Lenin: Zur Naturalsteuer. S. 98, 

U 



so den Vorgang; darstellt, Wie würde ein kapitalistischer 
Interessent an den Vorgängen sie darstellen? Qenau 
mit denselben Worten, nur umgekehrt. 

„Die Sowjetmacht — so wjirde er saget! — 
ist eine Macht, die die Produktivkräfte nicht ent- 
wickeln kann, nicht sofort und nicht in genügend 
kurzer Frist Der Kapitalist zieht hieraus Nutzen; 
er willigt in einen Vertrag mit der proletarischen 
Macht ein, um so einen außerordentlich hohen 
Gewinn zu erzielen . . . usw." 
Es wird niemand bestreiten wollen, daß sie beide 
recht hätten, daß aber dar Kapitalist seiner Darstellung 
keine Erläuterung mit auf den Weg zu geben brauchte 
— denn seine Natur verlangte immer nach außerordent- 
lich hohen Gewinnen — daß aber die Darstellung des 
Kommunisten der Erklärung bedarf. 

Also, welches War die Entwicklung, auf Grund 
deren die Bolschewiki zu dieser (kapitalistischen) Ziel- 
setzung kamen, im Gegensatz zu jener sozial istisclien 
im Jahre 1918, 

Wir lassen am besten Lenin selbst reden:*) 

„Zunächst im Verein mit dem „gesamten" 
Bauerntum gegen di-2 Monarch!«, die Gutsbesitzer, 
das Mittelalter (und so bleibt die Revolution eine 
bürgerliche, bürg;-;r'; ich -demokratische). Nachher 
zusammen mit den ."innerer Bauern, mit denHalb- 

*) N, Lenin, .Die D Matur des ■■ru'i'U.'i.its und der Renegat 
K. Kautsky". Vulkan-Verlag. Laipiig 1919. S. 63, 67. 



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Proletariern, mit allen Ausgebeuteten, gegen den 
Kapitalismus, einschließlich die Großbauern, 
Wucherer, Spekulanten (und hier wird die Revo- 
lution zu einer sozialistischen) . . .** 

„Die bürgerliche Revolution war von uns 
restlos durchgeführt worden. Das gesamte Bauern- 
tum ging zusammen mit uns. Sein Antagonismus 
gegenüber dem sozialistischen Proletariat konnte 
sich nicht sofort äußern. Die Räte umfaßten die 
Bauern in ihrer Gesamtheit. Die Klassenteilung 
beim Bauerntum war noch nicht reif, äußerte sich, 
noch nicht 

Dieser Prozeß kam im Sommer und Herbst 
1918 zur Entwicklung. Der tschecho -slowakische 
gegenrevolutionäre Aufstand rüttelte die Dorf- 
wucberer und Spekulanten auf. Sie überzogen 
ganz Rußland mit einer Flut von Unruhen. Die 
ärmeren Bauern haben nicht aus Büchern oder 
Zeitungen, sondern aus dem Leben selbst die Er- 
kenntnis von der Unvereinbarkeit ihrer Interessen 
mit denen der Dorfwucherer, der Dorfbourgeoisie 
gewonnen. Die „linken" Sozialisten -Revolutionäre 
spiegelten, wie jede kleinbürgerliche Partei, das 
Schwanken der Massen wider und spalteten sich 
gerade im Sommer 1918: ein Teil ging mit den 
Tschechoslowaken (der Moskauer Aufstand, bei dem 
Proschjan das Telegraphenamt — für eine 
Stunde! — besetzt und in Rußland den Sturz der 



13 



Bdfieliäwfki verkürzet halle; dum der Verrat des 
Oberbefehlshabers der gegen die Tschechoslowakei! 
kämpfenden Truppen usw.); der andere vorerwähnte 
Teil blieb aut Seiten der Eibisch ewiki." 
Und noch knapper, schärfer, präziser drückt Lenin 
den Gedanken an anderer Stelle aus; 

„Das Proletariat muß zwischen isn werktätigen 
Bauern und den besitzenden Bauern, zwischen dem 
Arbeiter und dem Händler ein: scharf« Grenze 
aiehen. In dieser Abgrenzung lies! der ganze 
Sinn des Sozialismus."*) 
Dieses ist ein Punkt, an dem bereits Rosa Luxem- 
burg mit ihrer Kritik eingaseti-t lut. Wobei freilich 
eines festgestellt werden muß: in eiasr Hinsicht hat 
auch sie geirrt Der russische Muschik krach nicht, 
nach getaner Landverteilunfx, hinier den hohen Ofen 
und ließ Republik Republi); »ml Revolution Revolution 
sein. AIS die Revolution bsdraht war, die ihm, dem 
Bauern, das Land gegctisn hatte, siand der russische 
Bauer auf und verteil:, rra sie mit nicht minderem 
Heroismus als der frai.^-islscho Bauer von 1793 die 
seine verteidigte. Insofern also hat er sich als brauch- 
bare Stütze der Sowjetrepublik erwiesen. Ja, er ging in 
seiner Tapferkeit so weit, da3 er im Vorbeigehen auch 
einen anderen Fehler korrigierte, den Ro3a Luxemburg 
in der Politik der Bolschewik! bemerkte: das „Svlbs> 
bestimmungsrecht der Nationen" ist, soweit es als An- 

•*) Lenin: ÖekMfHnR und Politik in .Dia Kommuiiislisdis 
InterpaUünilB-, Nr. 6. S. 939. 



14 



griffsmiHel gegen seine, des Bähern! revolutionäre 
Errungenschaften nutzbar war, von ihm erledigt worden. 

Auch in einem anderen Punkte hat die Geschichte 
die Kritik von Rosa Luxemburg kritisiert Sie be- 
fürchtete von der „chaotischen, rein willkürlichen Art" 
der Landverteilung zweierlei: einmal die Verschärfung 
der Klassengegensätze innerhalb des Bauerntums statt 
deren Ausgleichung in Richtung auf den Sozialismus, 
dann — gleichzeitig — die Verschärfung des Gegen- 
satzes zwischen Bauerntum und Industrieproletariat. Zu 
diesen beiden, aus der gewählten Lösung der Landfrage 
sieli enieb enden Miijrlidi weiten standen die Uolsohewiki 
so, daß sie auf die erste — die Rosa Luxemburg 
befürchtete — hofften, um mit der ersten die zweite 
zu erledigen. 

Die Geschichte hat über Furcht und Hoffnung 
entschieden. Lenin sagt darüber: 

„Die Mittelschicht im Bauerntum ist Jetzt viel 
zahlreicher und ausseffisggeb ender als früher, die 
Gegensätze sind verwischt, durch die Aufteilung 
ist die Boden Benutzung' viel gleichmäßiger ge- 
worden, das Großbauerntum ist seiner Vormacht- 
stellung verlustig gegangen und sogar zum größten 
Teil enteignet. In Rußland mehr als in der Ukraine, 
in Sibirien in geringerem Maße, aber im großen 
und ganzen zeigt uns die Statistik ganz unzweifel- 
haft, daß das Dorf nivelliert ist; das heißr, eer 
scharfe Gegensatz zwischen Großbauern und mittel- 
losen Kleinbauern ist ausgeglichen, alles ist gleicb- 

15 



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maßiger geworden. Wir haben es jetzt Im großen 
und ganzen mit einem mittleren Bauerntum zu 
tun." *) 

Es ist also heute keine brennende Frage, zu ent- 
scheiden, was vom sozialistischen Standpunkt richtig 
war: die Hoffnung oder die Furcht. Denn die Tat- 
sache, auf die Furcht und Hoffnung sich gründete, ist 
ausgeblieben. Die bolschewistische Rechnung, die auf 
den stetig und rasch sich zuspitzenden Klassengegensatz 
im Bauerntum rechnete und hoffte, aus dem so ent- 
brennenden Kampf die Kraft zur Weiterführung der 
Revolution nach der Richtung auf den Sozialismus zu 
gewinnen: diese Rechnung ging fehl. Die Land- 
verteilung hat zu einer Nivellierung der Klassen- 
gegensätze auf dem Lande geführt: wo früher Kulaks 
und Muschiks, Großbauern und Dorfproleten einander 
gegenüberstanden, steht heute „im großen und ganzen 
ein mittleres Bauerntum". Es ist also auch nicht mit 
der Lösung jenes ersten Gegensatzes — Dorf Proletarier 
gegen Großbauern — der zweite Gegensatz — Bauer 
gegen Industriearbeiter — gelöst worden. Ganz im 
Gegenteil. Wo der Industrieproiefarier vor drei Jahren 
noch Verständnis und Hilfe auf dem Lande finden konnte, 
findet er heute in breiter, einheitlicher Schicht den 
Mittelbauern mit seiner — wenn er auch bisher nichts 
hatte, um sie daran zu erproben — ererbten Besitzer- 
psychologie und seiner heiligen Scheu vor jeder An- 

•) Lenin: ..Das V>-r?iä!tnis der ArbciicrkbSöe zum Bauern- 
tum". Frankes' Verlag. 1921. S. 7. 



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tastimg des jung erworbenen Besitzes, mag die An- 
tastung von Lenin oder von Denikin kommen. In seiner 
Nacht sind ihm alle Katzen grau. Das heißt mit anderen 
Worten: der Gegensatz zwischen industrieproletarier 
und Landbesitzer ist unendlich vertielt; das Gemein- 
same, das Stadt- und Landproletarier verband, ist da- 
hin, und geblieben ist nur der Wille zum Besitz auf 
der einen, der Wille zum Sozialismus auf der anderen 
Seite. 

Ist in den Strebungen der russischen Bauernschaft 
von heute auch nur noch ein sozialistischer Zug vor- 
handen? Auch nur noch ein Zug, der die Weiter- 
führung der russischen Revolution zu ihrem sozia- 
listischen Endziel, gestützt auf jene, ermöglichte? Lenin 
selbst hat dieses Bauerntum sozial richtig bewertet, 
wenn er schreibt: 

„Die Bauernschaft fährt fort, ein Kleinbetrieb 
der Warenproduktion zu bleiben. Hier haben wir 
eine außerordentlich weite und sehr tief und sehr 
fest wurzelnde Basis des Kapitalismus. Auf dieser 
Basis erhalt sich der Kapitalismus unri einsieht aufs 
neue im heftigsten Kampfe gegen den Kommunis- 
mus. Die Formen dieses Kampfes sind Schleich- 
handel und Spekulation, welche gegen die staat- 
liche Bewegung des Kornes, überhaupt gegen die 
Staatliche Besorgung der Produkte gerichtet sind." *) 



*) Lenin: „Politik und Ökonomik"- S. 937. 



17 



Diese Criafalcferistifc des Bauerntums,' nämlich eben 
der Schiebt, die heute in Rußland das Bauerntum 
schlechthin ist, ist durchaus richtig. Nur ist sie nicht 
ganz umfassend. Weder ist das Bauerntum die einzige 
Operationsbasis des Kapitalismus gegen den russischen 
Kommunismns — in Berlin, in Paris, in London, in 
Warschau etc. sind die anderen — noch sind Schleich- 
handel und Spekulation die einzigen Mittel, mit denen 
von jener Basis aus operiert wird. Schleichhandel und 
Spekulation sind lästige und gefährliche Waffen, die 
das Bauerntum besitzt, aber keine tütlichen. Das Bauern- 
tum in Rußland (wie Oberhaupt in allen Ländern mit 
ausschlaggebender Bauernschicht) besitzt gefährlichere. 
Die eine Waffe, die als Hammer, die andere, die ais 
hydraulische Presse wirkt, die eine, die sofort zer- 
schmetternd, die andere, die langsam, aber sicher er- 
drückend wirkt. Diese ist die Abtrennung des Bauern 
und der bäuerlichen Produktion vom Markte. Das ist 
der Zustand, den Rosa Luxemburg mit den Worten 
umschreibt „er überläßt die Revolution ihren Feinden, 
den Staat dem Zerfall, die städtische Bevölkerung dem. 
Hunger." Der Bauer zieht sich, wie die Schnecke, in 
die Hanswirtschaft zurück. Diesem Druck kann auf 
die Dauer ein Staat, : der große Städte mit Industrie und 
städtischem Proletariate hat, nicht standhalten. Der 
Hammer aber, den die russischen Bauern in Händen 
halten, das ist der Aufstand. Sie haben in den vielen 
Kriegen gelernt, die Antastung ihres Besitzes mit dem 
bewaffneten Angriff abzuwehren. Wir glauben, daß die 

18 



Wirkung beider 'Mittel drohte ab die BSB9MHH im 
Frühjahr 1921 sich zu der radikalen Aenderung ihrer 
Politik entschlossen. Und mit dieser Feststellung erst 
kommen wir zurück zur Beantwortung der Frage, die 
wir eingangs aufwarfen: war — nicht nach dem Wort- 
laut, sondern nach dem geschichtlichen Zusammen- 
hang — die bolschewistische Zielsetzung im Jahre 1918 
oder die im Jahre 1921 die revolutionäre, d. b. „in der 
Richtung auf jene grundlegenden Voraussetzungen einer 
späteren sozialistischen Reform liegend?" Und Wer 
kann die Beantwortung nicht mehr zweifelhaft sein. 
In ihrem geschichtlichen Zusammenhang 1 in ihrer Ten- 
denz, objektiv, waren die Maßnahmen der Bolschewik! 
gegenüber oder vielmehr entgegen den Bauern nicht 
revolutionär, sondern gegen revolutionär, getroffen zur 
Besänftigung einer Klasse, die alle Bande mit ihren 
Waffengenossen von 1918 gelöst hat die einheitlich, 
geschlossen, unerschütterlich antisozialistiscb, konter- 
revolutionär ist Nicht anders bewertet Lenin diese 
Strebungen, die — wie auch die Kronstädter — unter 
der Losung des freien Handels ans Licht traten: 

„Hier kam das kleinbürgerliche, demokratische 
Element mit den Losungen vom freien Handel zum 
Durchbruch, die gegen die- Diktatur des Prole- 
tariates gerichtet waren." ") 
Damit . erledigt Lenin zugleich auch die Ein- 
wendungen, die gegen diese Feststellungen von anderer 

. *) Lenia: „Die gegenwärtige Lage Sowjetniulands'. Frankel 
»Miss. S. 22. 



19 



Seife gemacht wurden. Speklator sagt in einer Polemik 
gegen Otto Bauer: 

.Hat er, Bauer, aber etwa die Sozialisierung 
der kleinen oder mittleren Betriebe empfohlen oder 
die Nationalisierung des Handels? Keineswegs. 
Warum denn also, wenn die Sowjetregierung da- 
von absieht, diese zu sozialisieren, bedeutet es schon 
Rückkehr zum Kapitalismus?" *) 
Die Antwort ist nach dem oben Gesagten, nach 
der Relativität des Wertes von politischen Maßnahmen, 
nicht schwer. Es gibt viele Maßnahmen und Ziele, die 
getroffen oder gesteckt werden können, die ein Minus 
sind gegenüber der Sozialisierung des Handels und die 
doch revolutionär, d. Ii. in Richtung auf das sozialistische 
Endziel liegend sind. Eine Maßnahme, erzwungen von 
kapitalistischen Kräften, den Bauern, die eine frühere 
— mag auch sein frühzeitige — ■ revolutionäre Maß- 
regel beseitigt, ist kein Schritt in Richtung auf den 
Soziaiismus, sondern einer in Richtung auf den Kapi- 
talismus. 

IV. 

.Aber, wir haben die Herrschaft der Arbeiterklasse, 
die Diktatur des Proletariates aufrecht erhalten r Dieses 
ist ja wohl der Einwand, mit dem alle jene, größten- 
teils wohl unbestrittenen, Anführungen paralysiert werden 
sollen. Und zugleich ist dieses der Punkt, in dem 

*] Spekfator: .Der neue Kurs in öor Wirtschaftspolitik 
Sowjeirußlands". A. Seeliol 4 Co. 5. W. 



20 



derzeit — die- Unterscheidungsmerkmale sind keine 
feststehenden — der Kommunist sich von dem „Mensche- 
wik", die „loyale Opposition" sich von dem „Seelen- 
fang" unterscheidet Wir glauben also, diesem Argu- 
ment besondere Sorgfalt widmen zu müssen. 

Wir glauben, den Kern des Streites zu erfassen, 
wenn wir folgende Ausführungen Lenins voranstellen. 
Er zitiert zunächst wörtlich folgende Sätze von Kautsky: 
.Der Ausdruck „Diktatur des Proletariates", also 
Diktatur nicht eines Einzelnen, sondern einer Klasse, 
schließt bereits aus, daß Marx dabei an eine Dik- 
tatur im buchstäblichen Sinn des Ausdrucks ge- 
dacht hat. Er sprach hier nicht von einer 
Regierungsform, sondern von einem Zu- 
stand, der notwendigerweise überall da eintreten 
müsse, wo das Proletariat die politische Macht 
erobert hat. Daß er hier keine Regieningsfonn 
- im Auge hatte, wird schon dadurch bezeugt, daß 
er der Ansicht war, in England und Amerika könne 
sich der Uebergang friedlich, also auf demo- 
kratischem Wege vollziehen." *) 
Dem stellt nun Lenin folgende- Definition des Be- 
griffes Diktatur gegenüber: 

„Die Diktatur ist eine unmittelbar auf Gewalt 
begründete Herrschaft, die an keinerlei Gesetze 
gebunden ist 

*) „Die Diktatur des Proletariates und der Renegal Kautsky". 
VoEwn-Vwlag. 1919. S.S. 

21 



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Die revolutionäre Diktatur des Proletariats Tat elna 
von dem Proletariat erkämpfte und auf der Gewalt 
des Proletariates gegenüber der Bourgeoisie be- 
gründete Herrschaft, die an keinerlei Gesetze ge- 
bunden ist." 

Dieser Definition fögt dann Lenin folgende Er- 
läuterung an: (S, 6) 

„Kautsky muß die Diktatur als „Zustand der 
Herrschalt" auslegen; denn dann verschwindet die 
revolutionäre Gewalt, verschwindet die gewaltsame 
Revolution. „Der Zustand der Herrschaft" ist ein 
Zustand, bei dem eine beliebige Mehrheit unter der . . . 
„Demokratie" vorhanden ist t Infolge eines solchen 
Gaunertricks verschwindet glücklieb die Revolution. 
... Die Unsinnigkeit der Unterscheidung zwischen 
„Zustand" und „Regierungsform" tritt zu Tage, 
liier von der Regierungsform zu reden, ist doppelt 
dumm: denn jeder Knabe weiß, daß Monarchie *nd 
Republikverschiedencliegierungsformensind. Herrn 
Kautsky muß man erst beweisen, daß diese beiden 
Regiemngsformen, wie überhaupt alle „Regierungs- 
formen" der Übergangszeit unter dem Kapitalismus 
nur Abarten des bürgerlichen Staates d. h. der 
Diktatur der Bourgeoisie sind. 

Von der Regierungsform zu sprechen, ist endlich 
nicht nur eine dumme, sondern eine plumpe Ver- 
fälschung von Marx, der hier sonnenklar von der 
Form und der Art des Staates und nicht von der 
Regierungsform spricht. 

22 



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Die proletarische Involution ist ohne gewaltsame 
Vernichtung der bürgerlichen Staatsmaschineric und 
ohne Ersetzung dieser durch eine neue, die. nach 
Engels „schon kein Staat im eigentlichen Sinne 
mehr Ist", nieht möglich". 
Nachdem wir so Ansicht gegen Ansicht gestellt 
haben, glauben wir zunächst folgendes sagen zu können, 
Die ganze Schwäche und Unnahbarkeit der Kautskyschen 
Definition des DIkfaturbegriHes und die Richtigkeit der 
Leninschen Kritilt daran springt in die Augen. Denn 
die Geschichte spielt steh nun einmal nicht in „Zuständen" 
ab. Gewiß werden die durch die Entwicklung der 
Ökonomie geschaffenen „Zustande", d. h. wobl sozialen 
Schichtungen und Lagerungen, in gewisser Weise stets 
sichtbaren Ausdruek bekemrren. Aher das geschichtlich, 
und politisch Entscheidende ist eben die Tat, durch 
die ein gegenüber früher veränderter Zustand sichtbar 
wird. „Zustände" unter der Decke des Staates, unter der 
Decke der Regierungsferm wandeln sieh immer; wir 
selbst sind des Zeugen, wie weit sie sich von ihrem 
Ausgangspunkt entfernen und in Widerspruch geraten 
können zu der — im großen und ganzen -~ starren 
..Regierungsform", ohne daß der Widerspruch ein fla^ 
granter wird, Solange die gesellschaftlichen Kräfte, die 
..ZifStftnde'S diese Decke nicht zerreißen, gelten sie dem 
Politiker nicht mehr als dem Jager die Hasen, die nicht 
gefangen sind. Und in der Tat hat so die Kautikysche 
Theorie die große Gefahr in sich: sie iankt den Blick 
■von der Buhne politischen Geschehens in das weite 

23 



Reich einer „Znstandsphilosophie", der sozialphiloso- 
pbisohen Konlemplafion, jenes Land der himmelblauen 
Beschaulichkeit. Politisch bedeutet das Knochen- 
erweichung. 

Wenden wir uns nun den Leninschen Kommen- 
taren und zumal seinen Definitionen zu, so ist zunächst 
ein Charakteristikum festzustellen, das vielen seiner 
Äußerungen eignet: sie erinnern etwas an Heraklit, den 
Dunklen von Ephesus und es ist nicht immer leicht 
festzustellen, wie er es meine. 

Es entspricht der ganzen Wesenheit von Lenin, 
wenn er das Pferd genau von der Kautsky entgegen- 
gesehen Seite aufzäumt und beginnt mit dem, was 
geschichtlich und politisch das Entscheidende ist, 
der Sichtbarwerdung, der Organisationsform der Diktatur 
des Proletariates. Und dabei macht Lenin eine Unter- 
scheidung, die, glauben wir, am tiefsten in seine 
Oedankengänge blicken läßt. Er unterscheidet — und 
auch diese Unterscheidung ist zutreffend — zwischen 
„Regierungsform" und „Staatsform". Regierungsform 
ist für ihn ein Ding von untergeordneter Bedeutung. 
Monarchie oder Republik sind nur Verkleidungen des- 
selben Wesens, der Diktatur der Bourgeoisie. Anders 
aber mit der Staatsform. Aufgabe der Revolution ist, 
die bürgerfiche Staatsmaschinerie zu zerschlagen und an 
die Stelle der bürgerlichen Staatsform die proletarische 
Sfaatsform zu setzen. Soweit, glauben wir, werden alle 
Revolutionäre mit Lenin übereinstimmen. Die eine Frage 
ist nur die: 

24 



Gibt es eine Form von proletarischem Staat, 
der allein durch seine Existenz »1» Form die 
Herrschaft des Proletariates sicherstellt oder ist 
auch unter der Decke der proletarischen Form 
des Staates eine Wandelung möglich, dergestalt, 
daß nicht mehr proletarische, sondern andere 
Kräfte entscheidend werden? 

Lenin selbst hat u. W. diese Frage nie so scharf 
gesteilt und also auch nicht in dieser Schürfe beantwortet. 
Es geht also nicht an, seine Ansteht ohne weiteres mit der 
ersten Alternative gleich zu stellen — obwohl auf Grund 
seiner Polemik gegen Kautsky das vielleicht möglich wäre 
— sondern wir können lediglich versuchen, zu zeigen, wie 
tatsächlich seine ganze Auffassung vom Sowjetstaat uni 
seiner Bedeutung auf Jene erste Formel zurückgeht. 

Was Ist die Sowjetmacht? Wir wollen von den 
verschiedenen Definitionen, die in den verschiedenstem 
. Druckwerken enthalten sind, drei von Lenin herausgreifen, 
1. „Die Sowjetmacht ist nichts anderes, als die 
Organisationsform der Diktatur des Proletariates, der 
Diktatur der vorgeschrittenen Klasse, die zum neuen 
Demokratismus, zur selbständigen Anteilnahme an 
der Staatsverwaltung .Millionen und Abermilüoneu 
von Arbeitenden und Ausgebeuteten erhebt, die 
durch Ihre Erfahrungen lernen, in der disziplinierten 
und zielbewußten Avantgarde des Proletariates ihre 
zuverlässigsten Führer zu sehen".*) 
*) Lenin, .Die nächste:] Aufgaben der Sowjet- .Macht" S. 3Ä. 
Verlag der „Kommunistischen Bibliothek 1 Berlin. 

25 



" ; 2. „Die Räemacht ist die erste in der Welt 
(streng genommen die zweite; denn auch die Parisar 
Kommune machte den Anfang dazu), die die Massen, 
gerade die ausgebeutetsten, zur Beteiligung an die 
Verwaltung heranzieht [Unterstreichung von 
Lenin] *) 

8. Daselbst, nur acht Zeilen später heißt es: 

«Die Räte bilden eine unmittelbare Organisation 
der werktätigen und ausgebeuteten Klassen selbst, 
die ihnen die Möglichkeit erleichtert [Unter- 
streichung von Lenin], den Staat selbst einzurichten 
und zu leiten. Es ist ihnen denkbar leicht gemacht, 
. zu wählen und dir- Wahlen zu kontrollieren. Gerade 
der Vortrupp der Werktätigen und Ausgebeuteten, 
das städtische Proletariat, hat dabei den Vorzug, daß 
esindenQroßunternehmungen am besten zusammen- 
geschlossen ist Die Räteorganisation erleichtert 
selbsttätig die Vereinigung aller Werktätigen und 
Ausgebeuteten mit dem Vortrupp des Proletariates". 
Zunächst eines: in diesen Definitionen wie auch 
in zahlreichen anderen sind drei Stufen zu unterscheiden: 
1. die Masse der Ausgebeuteten und Unterdruckten d. h. 
die Masse der Industrieproletarier und (damaligen) 
Bauern; 2. der Vortrupp der Masse der Ausgebeuteten 
und Unterdrückten d. h. das städtische Industrieproletariat; 
3. die Vorhut des Industrieproletariates d, b, dio 
Kommunisten. '. . v . ... 

*) Lenin, .Die DiHafur des Proletariates und dar Renegat 
KauUky- & IS, Vertag Vulkan, Leipzig 1919. 

26 



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Diese grundsätzliche Trennung, die durch die ge- 
samte bolschewistische Literatur festgehalten ist, hat zur 
Folge, daß jede der drei Stufen ihren besonderen 
Aufgabenkreis hat und daß eine wesentliche Aufgabe 
ist, die Verbindung zwischen diesen drei Kreisen auf- 
recht zu erhalten. 

Was zunächst den Aufgabenfcreis angeht, so ergibt 
sich aus den oben angeführten Stellen (die beliebig 
vermehrt werden können) folgendes: 1. Aufgabe der, 
Vorhut, d. h. der Kommunisten ist es, sich durch 
Diszipliniertheit undZielbewußtsein als die zuverlässigsten 
Führer des Proletariates zu erweisen; 2. Aufgabe des 
Vortrupps, d. h. des industrieproletariates ist es, den 
Apparat des proletarischen Staates technisch in Gang 
zu setzen, in Gang zu halten und zu kontrollieren, also 
das, was Lenin unvollkommen mit den Worten „zu 
wählen und die Wahlen zu kontrollieren" ausdrückt; 
3. die Aufgabe der breiten Masse der Unterdrückten ist 
es, — hier schwankt der Leninsche Wortlaut bedenklich 
„zur Beteiligung an der Verwaltung" herangezogen 
zu werden, oder „durch ihre Erfahrungen zu lernen, 
in der disziplinierten und zielbewußten Avantgardo 
(Vorhut) des Proletariates ihre zuverlässigen Führer za 
sehen". 

Indem wir hier ledigBcn diese drei verschiedenen 
Stufen und 'Aufgabenkreise feststellen, wenden wir uns 
sofort der zweiten Frage zu: welches ist die Verbindung, 
die zwischen diesen Kreisen bestehen kann und besteht? 

27 m 



Darüber bestand, glauben wir, unter den Bolschewiki zu 
Beginn der russischen Revolution nur eine Meinung, 
Lenin sagt an dem oben aufgeführten Orte: 

„Die Räteorganisation erleichtert selbsttätig die 
Vereinigung aller Werktätigen und Ausgebeuteten 
mit dem Vortrupp des Proletariates". 
Trotzki schrieb darüber:*) 

„Ihre unmittelbarste Vertretung {enden die 
revolutionären Massen in der einfachsten und all- 
gemein zugänglichen Deiegiertenor^anisation, dem 
Sowjet ... Der Sowjet umfaßt Arbeiter aller Unter- 
nehmungen, . aller Berufe, aller Stufen kultureller 
Entwicklung, aller Grade politischer Erkenntnis und 
eben dadurch wird er objektiv genötigt, die gemein- 
samen Interessen des Proletariates zu formulieren... 
In der Form der allumfassenden Klassenorganisation 
. nimmt die Bewegung sich selbst als Ganzes". 
Das Verbindungsmittel also ist der Sowjet. Und 
doch besteht in diesen Formulierungen Lenins und 
Trötzkis ein Unterschied. Während Trotzki gerade den 
Vorzug, ja das Wesen der Sowjets darin sieht, daß 
sie allumfassend, eine Totalität sind, sind sie für Lenin 
ein Mittel, das „den Massei! die Möglichkeit erleichtert", 
das die Massen „heranzieht". Für Trotzki aisü, nach 
Jener Definition, ist das Wasen der Sowjets zerstört, wenn 
Bio Ihre Totalität einbüßen. Lenin spricht nur von der 
*) „Ttrrorismus und Kommunismus* Vertag Karl Hoym, 
Hamburg, 

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„Möglichkeit" der Teilnahme. Ihm schwebt also un- 
zweifelhaft auch der Fail vor, daß die Massen von jener 
Möglichkeit keinen Gebrauch machen und das Sowjet- 
system dann doch funktioniert. Für ihn zerfallt das 
Proletariat ganz offenbar in zwei scharf getrennte Teile: 
den einen Teil, der „heranzieht", den anderen Teil, der 
„herangezogen" wird und die Verbindung zwischen 
diesen beiden Teilen ist, wie das Bild des Heranziehens, 
oder das- so häufig gebrauchte Bild des „Hebels" zeigt, 
dem Gebiete der Mechanik entnommen. Für Lenin sind 
beide Teile einer getrennten Existenz fähig: die Vorhut 
des Proletariates, die das Sowjetsystem geschaffen hat 
und es trägt, kann leben und existieren und kann das 
Sowjetsystern weitertragen, bis die große Masse von 
der ihr gebotenen „Möglichkeit" Gebrauch macht, durch 
„Erfahrungen gelernt hat", in jenen „ihre zuverlässigsten 
Führer" zu erblicken; die breite Schicht der Aus- 
gebeuteten und Unterdrückten, Gros und Nachhut, das 
Objekt, an dem der „Hebel" angesetzt wird, an dem 
die Hebelkünste erwiesen werden bis zu dem Tage, an 
dem sie den Segen der ihnen im Sowjetsystem gebotenen 
„Möglichkeiten" und die treue Vorsorge ihrer „zu- 
verlässigsten Führer" erkennen und in eine Linie ein- 
nicken mit dem, was bisher die Vorhut war. Wie eine 
treue Mutter hat die Vorhut im Sowjetsystem ein Hemd 
zurechtgemacht, sie wartet — geduldig oder ungeduldig 
— bis das Kind das Hemd tragen kann. Solange das 
nicht ist, bleibt trotzdem Mutter Mutter und Hemd Hemd, 
Vorhut Vornut und Sowjetsystem Sowjetsystern, 



Tun wir Lenin unrecht mit dieser Darstellung? 
Beileibe nicht Der eine geschlossene Mann ist der eine 
und selbe gewesen und geblieben seit Jahrzehnten. 
Und das, was vor bald zwanzig Jahren der Gegenstand 
einer rein literarischen Kontroverse zwischen ihm und 
Rosa Luxemburg war, was damals erschien in dem ge- 
ringen Oewande eines Streites um die Organisationsform, 
das hat heute seine Probe zu bestehen gehabt im großen 
weltgeschichtlichen Maßstab. Die größte revolutionäre 
Bewegung der Weltgeschichte hat über die Lenin- 
Luxemburgsche Kontroverse aus dem Jahre i904 ent- 
schieden, in dem der beiderseitige Standpunkt aus den 
nachfolgenden Zeilen von Rosa Luxemburg zu er- 
kennen ist. *) 

,Yom Standpunkt der formalen Aufgaben der 
Sozialdemokratie als einer Kampfpartei erscheint der 
Zentralismus in Ihrer Organisation von vornherein als 
eine Bedingung, von deren Erfüllung die Kampffähigkeit 
und die Tatkraft der Partei in direktem Verhältnis ab- 
hängen. Allein viel wichtiger als die Gesichtspunkte 
der formalen Erlordernisse jeder Kampforganisation sind 
hier die spezifischen historischen Bedingungen des pro- 
letarischen Kampfes. 

Die sozialdemokratische Bewegung ist die ante 
In der Geschichte der Klassengesellschaften, die in allen 
ihren Momenten, Im ganzen Verlauf auf die Organi- 



1 Roh Laxombnrg: .Orpuiiwflon*lr*gea der raaslsdwB 
SeririAmfotte*, Die Noue Zeit, w. Jahrs, B4 3, S.4ß7iL 190*. 

30 



□Igiiizedby Google 



sation und die selbständige direkte Aktion der Masse 
berechnet ist 

In dieser Beziehung- schafft die Sozialdemokratie 
einen ganz anderen Organ isationstypus als die früheren 
sozialistischen Bewegungen, z. B. die des jakobinisch- 
blanquisti sehen Typus. 

Lenin scheint dies zu unterschätzen, wenn er in - 
seinem Buche (S. 140)*) meint, der revolutionäre Sozial- 
demokrat sei doch nichts anderes als „der mit der 
Organisation des klassenbewußten Proletariats 
unzertrennlich verbundene Jakobiner". In der Organi- 
sation und dorn Klassenbewußtsein des Proletariats im 
Gegensatz zur Verschwörung einer kleinen Minderheit 
erblickt Lenin die erschöpfenden Unterschiedsmomente 
zwischen der Sozialdemokratie und dem Blanquismus. 
Er vergißt, daß damit auch eine völlige Umwertung der 
Organisationsbegriffe, ein ganz neuer Inhalt für den 
Begriff des Zentralismus, eine ganz neue Auffassung 
von dem wechselseitigen Verhältnis der Organisation 
und des Kampfes gegeben Ist. 

Der Blanquismus war weder auf die unmittelbar« 
Klassenaktion der Arbeitermasse berechnet, noch brauchte 
er deshalb auch eine Massenorganisation. Im Gegen- 
teil, da .die breite Volksmasse erst im Moment der 1 
Revolution auf dem Kampfplatz erscheinen sollte, die; 
vorläufige Aktion aber in der Vorbereitung eines r*- 

*) N. Lenin, „Ein Schritt vorwärts, iwal Schritte rüetartrürw 
Oeol K04, Purieidruckord. 

ff 



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voltitionären Handstreichs durch eine kleine Minderheit 
bestand, so war die scharfe Abgrenzung der mit dieser 
bestimmten Aktion betrauten Personen von der Volks- 
masse zum Oelingen ihrer Aufgabe direkt erforderlich. 
Sie war aber auch möglich und ausfßhrbar, weil zwischen 
der konspiratorischen Tätigkeit einer blanqu istischen 
Organisafion und dem alltäglichen Leben der Volksmasse 
gar kein innerer Zusammenhang bestand. 

Zugleich waren auch die Taktik und die näheren 
Aufgaben der Tätigkeit, da diese ohne Zusammenhang 
mit dem Boden des elementaren Klassenkampfes, aus 
freien Stöcken, aus dem Handgelenk improvisiert wurde, 
im voraus bis ins Detail ausgearbeitet, als bestimmter 
Plan fixiert und vorgeschrieben. Deshalb verwandelten 
sich die tätigen Mitglieder der Organisation naturgemäß 
in reine Ausführungsorgane eines außerhalb ihres eigenen 
Tätigkeitsfeldes im voraus bestimmten Wiüens, in 
Werkzeuge eines Zentralkomitees, Damit war auch 
das zweite Moment des verschwörerischen Zentralismus 
gegeben: die absolute blinde Unterordnung der Einzel- 
organe der Partei unter ihre Zentralbehörde und die 
Erweiterung der entscheidenden Machtbefugnisse dieses 
letzteren bis an die äußerste Peripherie der Partei- 
organisation. 

Grundverschieden sind die Bedingungen der sozial- 
demokratischen Aktion. Diese wächst historisch aus 
dem elementaren Klassenkampfe heraus. Sie bewegt 
sich dabei in dem dialektischen Widerspruch, daß hier 
die proletarische Armee sich erst im Kampfe selbst 

32 



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rekrutiert und erat Im Kampf auch Uber die Aufgaben 
des Kampfes klar wird. Organisation, Aufklärung und 
Kampf sind hier nicht getrennte, mechanisch und auch 
seitlich gesonderte Momente, wie bei einer blanqulstischen 
Bewegung, sondern sie sind nur verschiedene Seiten 
desselben Prozesses. Einerseits gibt es — abgesehen 
von allgemeinen Grundsätzen des Kampfes — keine 
fertige, im voraus festgesetzte detaillierte Kampftaktik, 
in die die sozialdemokratische Mitgliedschaft von einem 
Zentralkomitee eingedrillt werden könnte. Andererseits 
bedingt der die Organisation schaffende Prozeß des 
Kampfes ein beständiges Fluktuieren der ainflußsphire 
der Sozialdemokratie. 

Daraus ergibt sich schon, daß die sozialdemo- 
kratische Zentralisation nicht auf blindem Gehorsam, 
nicht auf der mechanischen Unterordnung der Partei- 
kampfer ihrer Zentralgewalt basieren kann und daß 
andererseits zwischen dem bereits in teste Parteikadres 
organisierten Kern des klassenbewußten Proletariats und 
den vom Klassenkampf bereits ergriffenen, im Prozeß 
der Klassenaufklärung befindlichen umliegenden Schicht 
nie eine absolute Scheidewand aufgerichtet werden k'-n. 
Die Aufrichtung der Zentralisation In der Sozialdemo- 
kratie auf diesen zwei Grundsätzen — auf der blinden 
Unterordnung aller Parteiorganisationen mit ihrer Tätig- 
keit bis Ins kleinste Detail unter eine Zentralgewalt, die 
allein für alle denkt, schafft und entscheidet, sowie auf 
der schroffen Abgrenzung des organisierten Kernes der 
Partei von dem ihn umgebenden revolutionären Milieu, 



Diaitized ö/ Google 



wie sie von Lenin verfochten wird, erscheint uns deshalb 
als eine mechanische Übertragung der Organisations- 
prinzipien der blanquistischen Bewegung von Ver- 
s ch wörerz irkein auf die sozialdemokratische Bewegung 
der Arbeitermassen. Und Lenin hat seinen Standpunkt 
vielleicht scharfsinniger gekennzeichnet, als es irgend- 
einer seiner Opponenten tun könnte, indem er seinen 
»revolutionären Sozialdemokraten" als den „mit der 
Organisation der kl assenbewußten Arbeiter verbundenen 
Jakobiner" definierte. Tatsächlich ist die Sozialdemo- 
kratie aber nicht mit der Organisation der Arbeiter- 
klassen verbunden, sondern sie ist die eigene Be- 
wegung der Arbeiterklasse. Der sozialdemokratische 
Zentralismus muß also von wesentlich anderer Be- 
schaffenheit sein als der blanquistische. Er kann nichts 
anderes als die gebieterische Zusammenfassung des 
Willens der aufgeklärten und kämpfenden Vorhut der 
Arbeiterschaft ihren einzelnen Gruppen und Individuen 
gegenüber sein, es ist dies sozusagen ein .Selbst- 
zentralismus" der führenden Schicht des Proletariats, 
ihre Majoritätsherrschaft innerhalb ihrer eigenen Partei- 
organisation." 

Wir sind heute auf Grund der Erfahrungen der 
russischen Revolution in der Lage, die praktischen 
Lehren aus jener literarischen Kontroverse zu ziehen. 
Bevor wir aber das tun, möchten wir noch in gewissem 
Umfang die Formen betrachten, zu denen die Leninsche 
Auffassung von der Diktatur des Proletariats geführt hat 



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V. 

Wir haben gesehen, wie die Sowjetregierung eine 
Staatsform ist, die in Rußland unter Zerbrechung der 
russischen feudalen Staatsform vom siegreichen Pro- 
letariat als die seinige aufgerichtet wurde. 

Mit der Staatsform an sich und mit der gegebenen 
„Möglichkeit" für die breiten proletarischen Massen, 
sich am Staatsieben zu beteiligen, ist aber noch nicht 
viel gesagt. Die Frage ist vielmehr weiter die: sind 
in dieser „Staatsform" auch verschiedene „Regierungs- 
formen" möglich, ebenso, wie in der Staatsform der 
Bourgeoisie die verschiedensten Regierungsformen (Re- 
publik, Monarchie, Parlamentarismus usw.) denkbar sind. 
Ohne daß (soweit uns ersichtlich) Lenin diese Frage 
untersucht und beantwortet hätte, läßt sich aus seinen 
verschiedenen Äußerungen entnehmen, daß er sie bejaht. 

Zunächst das eine: die Masse und deren Anteil- 
nahme ist ihm im Sowjetsystem nur eine „Möglichkeit". 
Eine Möglichkeit ist aber nicht der solide Qrund, auf 
dem ein Staatswesen aufgebaut werden kann. Die ieste 
Mauer, die das Sowjefgebäude stützt, ist die Vorhut 
des Proletariates, d. h. die kommunistische Partei und 
jedenfalls im ersten Stadium der Revolution haben die 
Boischewiki — und zunächst auch richtig — damit 
gerechnet, daß auch der Vortrupp, d. h. das Industrie- 
proletariat sich daran lebendig beteiligen werde. Weil 
aber die Anteilnahme des Gros nur eine Möglichkeit, 
die des Industrie Proletariates keine Sicherheit bedeutet, 



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müssen die Beziehungen zwischen dem einzigen festen 
Punkt, der Vorhut, einerseits, dem Vortrupp und dem 
Oros andererseits, variabel sein. 
Lenin sagt darüber*): 

„Eine Diktatur muß nicht durchaus eine Auf- 
hebung der Demokratie für die Klasse bedeuten, 
die diese Diktatur gegenüber den anderen Klassen 
ausübt. Sie bedeutet jedoch unbedingt die Besei- 
tigung oder wesentliche Beschränkung der Demo- 
kratie (die auch einer Art Beseitigung gleichkommt) 
für jene Klasse, der gegenüber die Diktatur aus- 
geübt wird." 

Daraus ergibt sich: die Regierungsform unter dem 
Sowjetsystem kann zunächst variiert sein durch ein mehr 
oder weniger großes MaS von Demokratie sowohl der 
diktierenden als der .diktierten" Klasse gegenüber. 

Aufhebung der Demokratie gegenüber der Bour- 
geoisie ist notwendig, der Orad nicht bestimmt Jeden- 
falls .bildet die Entziehung des Stimmrechtes der Bour- 
geoisie kein notwendiges und unbedingtes Kennzeichen 
der Diktatur des Proletariates".™) 

„Es wäre ein Fehler, vorweg dafür tu garan- 
tieren, daß die kommenden proletarischen Revo- 
lutionen in Europa, alle oder die Mehrzahl derselben, 
unbedingt eine Beschränkung des Wahlrechtes für 

•) .Die Diktatur des Prolstnrlates o. <ter Reneg«tKaiitsky"S. 4. 
•*) Lenin daselbst S. 39. 



36 



die Bourgeoisie bringen werden. Es kann so 
kommen. Nach demKriege und nach den Erfahrungen 
der russischen Revolution wird dies wahrscheinlich 
auch so kommen, aber es ist nicht unbedingt not- 
wendig zur Verwirklichung der Diktatur, es bildet 
kein durchaus notwendiges Kennzeichen des 
logischen Begriffs der Diktatur, es bildet keine 
unerläßliche Vorbedingung zu dem historischen und 
. Klassenbegriff von der Diktatur."*) 

Wir werden später sehen, daß und aus welchen 
Gründen Rosa Luxemburg diesen Standpunkt nicht 
vertrat Wir möchten hier nur noch weiter hervor- 
heben, daß, nach der Leninschen Doktrin, die Diktatur 
des Proletariates „nicht durchaus" eine Aufhebung der 
Demokratie gegenüber der herrschenden (proletarischen) 
K!ass,e bedeuten muß. Die Regel allerdings, das ergibt 
diese Fassung, wird die Aufhebung _ der Demokratie 
auch gegenüber der proletarischen Klasse sein. 

Wo also: wo ist das große Ich, das Über allem 
thront, das der Demokratie erträgliches Maß, nicht zu 
wenig, nicht zu viel, den Klassen spendet, der „herr- 
schenden", wie der beherrschten, der „Einzige", der von 
sich sagen kann: 

„daß er allein in seinen Händen 
den Reichtum allen Rechtes hält, 
um an die Völker auszuspenden 
so viel, so wenig ihm gefällt?" 



"(„DieDiktatunJesProlatariates u. derRcne£otKautsky"S.23'2 f 



Wir liaben bereits oben darauf hingewiesen, welche 
Rolle der Kommunistischen Partei, der Vorhut, In diesem 
Zusammenhange zufallt. Aber auch damit sind nicht 
alle Möglich keilen erschöpft. Denn vielleicht fällt auch, 
die Kommunistische Partei mit in jenes unbegrenzte 
Reich der „Möglichkeiten". Lenin denkt gradlinig weiter *) 

„Damm gibt es entschieden keinen prinzipiellen 
Gegensatz zwischen dem Sowjet- (d. h. sozialistischen) 
Demokratisnius und der Anwendung der diktatorischen 
Macht von einzelnen Personen. Der Unterschied 
zwischen der proletarischen Diktatur und der bürger- 
lichen besteht -darin, daß die erste ihre Schlage gegen 
die ausbeuterische Minderheit im Interesse der aus- 
gebeuteten Mehrheit richtet, und dann darin, daß dia 
erste — auch durch einzelne Personen — nicht bloß 
durch die Massen der Arbeitenden und der Ausgebeuteten 
verwirklicht wird,, sondern auch durch die Organisationen 
verwirklicht wird,' .die so aufgebaut sind, daß durch sie 
die Massen erweckt und zum historischen Schaffen 
gehoben werden. (Die Sowjet-Organisationen gehören 
zu dieser Art von Organisationen.)" 

Damit ist die Diktatur des Proletariates auf einen 
völlig neuen Boden gestellt. Demokratie oder nicht 
Demokratie, Partei oder nicht Partei, Vorhut oder nicht 
Vorhut, ein Einzelner Oder mehrere: all das vertragt 
sich mit der Diktatur des Proletariates, die gekenn- 
zeichnet wird durch zwei Momente, ein subjektives und 

*J „Di* nächsten Aufgaben der SowIMmactaf S. 43. 

5G 



ein objektives: äas subjektive Moment, daß der Diktator 
diktiert „im Interesse da- ausgebeuteten Mehrheit", des 
objektive Moment, „daß sie nicht bloß durch die Massen 
verwirklicht wird, sondern auch durch Organisationen, 
die so aufgebaut sind, daß durch sie die Massen er- 
weckt" werden. 

Indem wir auch hier nur kurt darauf hinweisen, 
wie die Anschauungen von Rosa Luxemburg hierüber 
geradewegs entgegengesetzte waren, stellen wir also 
fest: auch unter dem Sowjetsystem, d. h. der der 
proletarischen Diktatur eigentümlichen Staatsform, sind 
die Reglern ngsformen die denkbar verschiedensten. Von 
der freien Demokratie, unter Umstünden sogar für die 
Bourgeoisie bis sur starren Diktatur eines Binzeinen. 

Es versieht sich, daß in diesem System der Zwang 
eine erhebliche Rolle spielt. Denn alle Mechanik geht 
doch lum leteten Ende auf Kraftübertragung und Kraft- 
Äußerung hinaus und es verstellt sich; daß danach der 
Zwang, gesteigert bis iu Beinen Äußersten Formen, dem 
ferrorismus, seine Rolle spielt. Wir wollen hier nicht 
die Formen der Zwangsäulierung in Rußland, erörtern, 
wir mächten uns auf einige Bemerkungen für Deutsch- 
land beschranken, Man kann ruhig zugeben, daß die 
Anwendung schärfster, auch terroristischer Mittel, für 
den. der um sein Leben kempft, so wie die Bolschewik! 
oft taten, eine Notwendigkeit ist und als solche an- 
erkanntwerden muß auch von dem, der in ihnen nicht 
die schönste Blute staatlicher Machtentfaltung sieht, 
in Europa und in Deutschland aber hat der Terrorismus 

39 



□Igilizedby Google 



stellenweise zu einem wahren Kultus geführt und es 
gibt Kommunisten, die das Kennzeichen darin sehen, 
daß einer täglich auf dem Altare des Vitzliputzli opfere. 
Wir brauchen uns nicht zu verhehlen, daß diese Ver- 
himmelung des Terrorismus garnichts anderes ist, als 
das Zeichen einer großen Schwäche gepaart mit dem 
Bewußtsein dieser Schwäche. Der kleine Junge, der 
von einem größeren zu unrecht verprügelt wird, pflegt 
tagelang Zu schwelgen in den Bildern von der Rache, 
die er' blutig nehmen wird „wenn • einmal . . ." Wir 
können noch nicht einmal eine Förderung des revo- 
lutionären Willens der Arbeiterklasse darin erblicken, 
wenn man solcher Phantasie geflissentlich neuen Nähr- 
stoff gibt und glauben, daß man der revolutionären 
Bewegung nur einen Dienst erweist, wenn man solchen 
Kindereien klar und deutlich entgegentritt Rosa 
Luxemburg hatte kein Verständnis für solche Indianer- 
romantik. Sie hat ihfie Ansicht über den Terrorismus 
auch in den nachfolgenden Worten klar zum Ausdruck 
gebracht, und es ist kein Zufall, daß in dem Programm 
des Spartakusbundes einfach und sinnfällig der Satz steht: 
„Die proletarische Revolution bedar! für ihre 

Ziele keines Terrors, sie- haßt und verabscheut den 

Menschenmord." 
Jeder Kundige weiß, was sie damit gemeint hat. 

VL 

Wir können uns nunmehr der Frage zuwenden, 
die wir oben verlassen haben: welches sind die praktischen 

40 



Ergebnisse der Leninschen Auffassimg so, wie wir sie 
oben im Gegensatz zu dar von Rosa. Luxemburg 
skizziert haben? 

Wir müssen dazu zurückgehen auf den Februar 
vorigen Jahres, der eine grundsätzliche Änderung der 
Sowjetrepublik in jeder Beziehung bedeutet. Wir haben 
oben bereits, gesehen, wie dieser Monat ihnen die 
Bauemfrage als in einem anderen Sinne gelöst er- 
scheinen ließ, als die Bolschewiki ursprünglich gerechnet 
hatten und wie sie ihre Beziehungen zur Bauernschaft 
auf eine neue Grundlage bringen mußten. 

Derselbe Monat aber brachte es, daß die Bolsche- 
wiki gezwungen wurden, auch ihre Beziehungen zum 
Proletariat aufs neue zu überprüfen. Es ist eine höchst 
einfältige Geschichlserzählung, mit derein paar „Kundige" 
in Deutschland herumhausieren gingen, die den Kron- 
städter Aufstand als das Machwerk von ein paar Zaren- 
offizieren mit französischen Franken oder von ein paar 
„MeriSchewisten" hinstellten. Es kann sein, daß hinter 
den Kronstädter Matrosen ein paar zaristische Generale 
herumoperierten — wir wissen es nicht. Es kann Sein, 
daß im Kronstädter Aufstand „menschewistische" Parolen 
eine Rolle spielten — wir wissen es nicht. Wir wissen 
nur eines gewiß, daß weder zaristische Generale noch 
französische Franken noch , menschewistische Parolen 
eine hinreichende Erklärung dafQr sind, wie es möglich 
ist, daß treueste Söhne der Revolution, ergebenste 
Anhänger der Bolschewiki, die sie bislang waren, die 
Elite der revolutionären Kämpfer, in hundert Schlachten 

41 



bewährt, aufständig wurden gegen die, denen sie bisher 
zugetan waren. Diese Tatsache kann nur erklärt werden 
mit einer tiefen Krise innerhalb des Proletariates selbst, 
mit einem schweren Konflikt, der zwischen „Vorhut" 
und „Vortrupp", ja vielleicht innerhalb der Vorhut selbt 
entstanden ist. Daß dem so ist, dafür hätten wir Beweise, 
selbst wenn der Kronstädter Aufstand nicht das weithin 
leuchtende Fanal dafür gewesen wäre. 

Wir wollen das mit einigen Zitaten aus jener Zeit 
belegen, die sämtiich der „Russischen Korrespondenz" 
(Jahrgang II Nr. 3/4) entnommen sind. 

Dort sagt Kart Radek (S. 138): 

„Die am meisten zurückgebliebenen Arbeiter 
sahen in den besonders schweren Augenblicken in 
den Kommunisten die Antreiber zur Arbeit, die 
Elemente, die von ihnen immerfort neue Opfer 
verlangten. Dadurch entstand eine Spannung 
zwischen einem Teil der nichtkommunistischen 
Arbeiterelemente und der Kommunistischen Partei ■ 
wie der Sowjetregierung. 

Eine der wichtigsten Aufgaben der Kommu- 
nistischen Partei in der jetzigen Situation besteht 
darin, jetzt diesen Abstand zu mildern, diesen Ab- 
stand zwischen der Avantgarde und der Nachhut 
abzuschwächen, wenn nicht zu überbrücken." 



In einem daselbst veröffentlichten Resolutionsentwurf 
heißt es weiter (S. 141): 



»Zu diesen (den krankhatten Erscheinungen) 
gehören die Bureaukratisierung des leitenden Partei- 
apparates und der Mangel an einer lebendigen 
systematischen Verbindung mit der Masse der 
Parteimitglieder auf der einen Seite, sowie die 
sich bemerkbar machende Tendenz, die Partei in 
obere und untere Schichten, in Arbeiter und 
Intellektuelle zu scheiden oder aber zu einer Herab- 
minderung der Rolle der Partei auf der änderen 
Seite. Diese Erscheinungen zusammengenommen 
bereiten den Boden für syndikalistische, der Partei- 
einheit gefährliche Abirrungen." 

In dem Thesenenrwurf, vorgelegt von einer Qruppe 

aktiver Funktionäre, heißt es (S. 147): 

„Zum Zwecke einer Heranziehung breiter 
Massen der Partei zu den Fragen des Parteilebens, 
einer Hebung des Niveaus ihrer Erkenntnis, einer 
Entwicklung ihrer Initiative und Selbsttätigkeit, 
muß das System ausführlicher, öffentlicher Dis- 
kussionen, sowohl in der Parteipresse als auch in 
Parteiversammlungen, zum Prinzip erhoben werden, 
wobei allen Strömungen und Gruppierungen inner- 
halb der Partei die volle Möglichkeit geboten 
werden muß, ihren Standpunkt bekanntzugeben. 

Um zum Parteiaufbau die in unserer Partei 
organisierten vorgeschrittenen Schichten des Prole- 
tariates heranziehen, die unmittelbare Verbindung 
mit den Massen herstellen und die führenden 

43 



Parteiorgane (Zentralkomitee, Gouvernements- 
komitees usw.) zur Gesundung führen zu können, 
müssen diese Organe mindestens zu zwei Dritteln 
aus Arbeitern besteben," 

Dies bedeutet folgendes: In derselben Zeit, In der 
die Boisdiewiki in ein kritisches Stadium getreten 
waren bezüglich ihres Verhältnisses zum Bauerntum, 
knisterte es im Gebälk selbst des Industrieproletariates 
bedenklich. Die Ursache dessen war ganz einlach die: 
die Entfernung zwischen der Kommunischen Partei und 
der breiten Masse war so groß geworden, daß die 
Partei daran zu ersticken drohte. „Der Partei — so 
klagt Sinowjew — fehlt gewissermaßen dar Sauerstoff. 
Dieser Sauerstoff ist denn auch die parteilose Masse." 

Das war da3 Problem, das im Mittelpunkt des 
X. Kongresses der Kommunistischen Partei Rußlands 
stand. Wie wir bereits an anderer Stelle ausführten, 
standen die ganzen Debatten dieses Kongresses im 
Zeichen des- Versuches, dieses Problem auf organi- 
satorische Weise zu lösen und wir können die Be- 
deutung dieser Versuche nach der positiven wie 
negativen Seite erst werten, wenn wir Absicht und 
Mittel aus folgenden Ausführungen erkannt haben. 

In den vom Kongreß angenommenen Thesen 
heißt es: 

„Die Kommunistische Partei Rußlands muß die 
Diktatur des Proletariats in einem Lande verwirk- 
lichen, in dem die Bauernbevölkerung die gewaltige 

44 



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Mehrheit bildet. Jetzt, wo dem Bauern schon 
nicht mehr die Wiederherstellung des Gutsbesitzes 
droht, wird die Verwirklichung der Diktatur des 
Proletari ates auf neue Schwierigkeiten stoßen. Eine 
erfolgreiche Verwirklichung dieser Diktatur ist nur 
möglich bei Vorhandensein machtvoller, von ein- 
mütigem Willen und Streben erfüllter Gewerk- 
schaftsverbände als Massenorganisationen, die allen 
Proletariern auf den verschiedenen Stufen der Ent- 
wicklung ihres Klassenbewußtseins offen stehen." 
Hier möchten wir erinnern an die oben angeführten 
Worte Lenins, daß die Diktatur des Proletariats gekenn- 
zeichnet werde durch die Tatsache, daß ihre Schläge 
fallen im Interesse der Ausgebeuteten und die weitere 
Tatsache, daß ihre Maßnahmen durchgeführt werden 
durch die Organisationen, die imstande sind, breite 
Massen zu erwecken und zu historischem Schaffen zu 
heben. Damals wurden die Sowjets als solche 
Organisationen bezeichnet. Es ist ganz klar, daß nun- 
mehr diese Aufgabe den Gewerkschaften zugedacht ist. 

Dieses bedeutet nach der negativen Seite: die 
Sowjets haben diese ihre Rolle ausg^pidf; die Suwjds 
sind zersprengt und zwar zersprengt dadurch, daß die 
Klassen, die sie ehedem gemeinsam verbanden, Bauern 
und Arbeiter, heute nichts Gemeinsames mehr haben. 
Die neuen Organe, die sich die IMedikfatur sucht, sind 
Organisationen des lndustrie|iroleiariates. Die organi- 
satorische Basis der Diktatur verengert sich. Sic 
stützt sich nur noch (theoretisch) auf das, was ehedem 

45 



der Vflrtrupp war und bemüht sich praktisch, den Vor- 
trupp, der schon iiaheiu verloren ist, wieder tur Vorhut 
zu bringen. 

„Man übersah — sagt Sinow]ew") — daß ein 
Wendepunkt nahte, der uns einer allgemeinen Krise 
zuführte, bei deren Ausgang die Gewerkschaften 
die Rolle de* wichtigsten Hebels (!) spielen werden, 
der der Partei helfen wird, die Krise tu überwinden." 

Und zwei Seiten später, im Anschluß an jene Klage 

vom mangelnden Sauerstoff sagt er: 

„Die Gewerkschaften bilden bis zu einem 
gewissen Grade einen Behälter (!) für diesen 
Sauerstoff." ' 

Ist damit an sich schon erwiesen, daß auch die 
Staatsfortn der Sowjetrepublik mit ihren Mögt ich keilen 
keine Garantie gibt für c"en Klasseninhalt der Sowjet* 
republik, daß auch unter der Decke der Sowjetrepublik 
(nicht nur der bürgerlichen Republik) der Klasseninhalt 
sich ändern kann, so hat die folgende Entwicklung 
den gültigen Beweis de53ifi gebracht 

VII. 

Im Februar 1921 war die Lage für die Boschewtki 
die: sie hatten, das ergibt die Debatte auf ihrem X. Partei- 
tage, im Proletariat die Stütze Verloren. Sie hätten im 
Bauerntum ihre frühere Stütze, die ärmeren Bauern, 

*) Russisch* korrenSDnnrf«» .hhftttig Ii Baad S, S. 309 



46 



verloren; die waren alle mittlere und Gegner Jeder 
kommunistischen Politik geworden. Von beiden Seiten 
gleichzeitig erfolgte der Ansturm: in Kronstadt vom 
Proletariat; die Bauernaufstände drohten. Die Bolschewik] 
waren in der Tat ohne klassenbasis und hielten sich 
dank der Kraft ihrer Organisation — eine Kraft, die 
nicht lange halten kann. Die Bolschewiki mußten sich 
rasch entscheiden für die eine oder andere Klasse. Sic 
hielten es in diesem Augenblick mit den stärkeren 
Bataillonen, d. h. sie besänftigten zunächst die Bauern. 
Es ist hier nicht mehr vonnöten, die ganze Kette von 
Konzessionen anzuführen, die seit dem Februar dieses 
Jahres gemacht wurden, die Naturalsteuer an Stelle des 
Getreidamonopols, die Einführung des freien Handels, 
die Wiederherstellung der Privatbei riebe; das ganze 
ücbäude. das sie selbst vor drei Jahren abgetragen 
hatten, versuchen sie nunmehr wieder «»[zurichten. 
Nicht nur ökonomisch streichen die Bolschewiki ihre 
alten Ziele. Sic tun es auch ideell. 

»Nicht unmittelbar — schreib! Lenin — *) 
durch die Begeisterung sondern mit Milte des per- 
sönlichen Interesses, der persönlichen Inter- 
essiertheit, mit Hilfe der wirtschaftlichen Berech- 
nung baut man erneut eine feste Brücke, die im 
Lande der Kleinbauern über den Staatskapitalismus 
zum Sozialismus führt . , ," 



*) Die „Rote Fahne" SO. 10, 11, I. Beilage. 
47 



Das klingt freilich ganz anders, als Lenin etwa im 
Jahre IfilB sagte:*) 

„Ohne die Anleitung von Fachleuten der ver- 
schiedenen Zweige des Wissens, der Technik, der 
Erfahrungen ist der Obergang zum Sozialismus 
unmöglich, weil der Sozialismus eine bewußte 
Massen-Vorwärtsbewegung zu der im Vergleiche 
mit dem Kapitalismus höheren Arbeitsproduktivität 
verlangt, und zwar auf der Basis des durch den 
Kapitalismus Erreichten. Der Sozialismus muß 
auf seine Art und Weise, durch seine Methode 

— sagen wir konkreter, durch Sowjet-Methoden 

— diese Vorwärtsbewegung verwirklichen". 

Und es klingt ganz anders als der Lenin von 
1919 sprach:**) 

„Es muß ferner das Proletariat der ganzen 
Masse der Arbeitenden und Ausgebeuteten ebenso 
wie alle kleinbürgerlichen Schichten in der An- 
bahnung des neuen wirtschaftlcheii Aufbaus voran- 
geheil, indem es einen neuen gesellschaftlichen 
Zusammenhang, eine neue Arbeitsdisziplin, 
eine neue Arbeitsorganisation schafft, die so- 
wohl die letzten Ergebnisse der Wissenschaft und 
der kapitalistischen Technik praktisch verwirklicht, 
wie den Massenzusammenschluß der zielbewußten 



*) „Die nächsten Aufgaben der Sowief-Macht" S. 15. 
•*) N. Lenin, „Die große Initiative" Berlin 1920 S. 16. 



Arbeiter, die die sozialistische Großproduktion 
durchführen'. 

Dort sind freilich die Töne, von denen im Früh- 
jahr 1921 mit beiBender Ironie Lloyd George sagte: 
„So ungefähr würde mein sehr ehrenwerter Freund, 
Herr Winsion Churchill auch gesprochen haben." 

Man kann unter diesen Umstlnden mit Bestimmt- 
heit sagen, was in Anbetracht dieser Politik aus dem 
anderen Versuche werden wird, organisatorisch eine 
Basis in der Arbeiterschaft durch den „Hebel" der 
Gewerkschaften zu bauen. Das hat u. B. Sinowjew bereits 
vorausgeahnt, als er, wenn auch in anderem Zusammen- 
hang, meinte: *) 

„Wenn die KonzessionspoUtlk zur Tatsache wird 
undTausende Arbeiter in den konzessionierten Unter- 
nehmungen beschäftigt sein werden — werden dann 
die Gewerkschaften nicht auch ihre besonderen 
Autgaben zu erfüllen haben?" 
Dieses Ist unbestritten richtig und wir kommen 
unmittelbar zum Ziele, wenn wir den Gedanken zu 
Ende denken. .Der Konzessionär — sagt Lenin — 
ist ein Kapitalist Er betreibt sein Geschäft auf kapi- 
talistische Art und Weise, um des Gewinns willen . . ," 
Was ist die Aufgabe der Gewerkschaften? Ist es 
die Aufgabe der Gewerkschaften zu sagen: arbeitet für 
den Kapitalisten, der macht hohe Gewinne, aber dank 



") .Riisslseha Korrespondenz" Band 11, Nr. 5, S. 309. 
4<1 



der hohen Gewinne wird die Basis entstehen, auf Grund 
deren eines Tages unsere Regierung den Kommunismus 
einführen kann? Oder soll sie den Arbeitern sagen: 
arbeitet nicht für den Kapitalisten und für seinen Profit, 
beschneidet ihm den Profit, der Kapitalismus ist eine 
Hötle. Sie kann das eine sagen, sie kann das andere 
sagen. Sie wird im ersten Falle die Zutreiberin des 
Kapitalisten, sie wird im andern Falle den Konflikt mit 
dem Konzessionär haben, der Konzessionär wird die zu 
Hiife rufen, die ihm die Konzession gaben. Und dann? 

Nein, es gilt getrost der Tatsache ins Auge zu 
sehen: es sind in Rußland zwei Klassen, die unver- 
söhnlich sind. Die eine, die bäuerliche und, vorläufig 
noch auf ihren Schultern, die Industrie- und handels- 
kapitalistische. Die andere die proletarische. Bs gibt 
in Rußland so wenig einen Stillstand, so wenig eine 
Versöhnung in dem der Gesellschaft immanenten 
Klassenkampf wie anderswo und die Partei, die ver- 
sucht, doch zu versöhnen, die versucht, auf der einen 
Seite dem Kapitalismus was des Kapitalismus, dem 
Proletariat was des Proletariates ist, zu geben, die wird 
als erste zerschlagen durch diesen Kampf. Die Bolsche- 
wiki haben den Versuch unternommen, für die Zeit 
dem Kapitalismus zu geben, um für die Zukunft dem 
Proletariat zu retten: was das Proietariat an seiner 
Zukunft zu retten hat, das kann ihm keine Partei 
bescheren, kein Christkind unter den Weihnachtsbaum 
legen. Seine Zukunft erobert sich das Proletariat in 
seinem Kampfe, in dem es selber wächst und stark 



50 



wird. Und die Partei, die es um des Augenblickes 
willen schlägt, macht es für die Zukunft waffenlos. 
»Die Arbeiterklasse hat nur die Elemente der 
neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich 
bereits im Schöße der zusammenbrechenden 
Bourgeoisiegesellschaft entwickelt haben." 
Das ist Marx' Formulierung der Aufgabe des siegreichen 
Proletariates. 

Uns vermag niemand zu belehren, daß der russische 
Konzessionär mit dem Extragewinn, die russischen 
Schieber und Spekulanten, deren Aufkommen jetzt kein 
Mensch mehr hindern kann, die „Elemente der neuen 
Gesellschaft" seien, um deren „Freilassung" willen die 
russische Arbeiterschaft so vieles geopfert bat. 

Was also äst von der „Diktatur des Proletariats" 
geblieben? Nichts. Nichts von den objektiven Momenten, 
nichts von den subjektiven. Die russischen Konzessionen 
sind keine Maßnahmen, „die durch die Massen der 
Arbeitenden und der Ausgebeuteten verwirklicht" werden, 
es sei denn als Objekte der Ausbeutung. 

Aber von den subjektiven Momenten? Daraul 
scheint uns die ganze jetzige Argumentation der Bolsche- 
wik! hinauszulaufen. Denn noch steht an der Spitze 
der russischen Räterepublik die Partei der Bolschewiki, 
die Partei, die mehr als eine andere für das Welt- 
proictariat, für die Weltrevolution getan. Noch stehen 
an ihrer Spitze Männer von der Unbestechlichkeit des 
Urteils and von der Ergebenheit und Treue an die 



51 



Sache des Proletariats wie Lenin und Trotrfci. Sie 
werden an dem Tage, an dem die geänderten Umstände 
es erlauben, die ersten sein, die ein Ende machen mit 
allen Konzessionen an den Kapitalismus, die ihnen nicht 
weniger zuwider sind als irgendeinem. Dieses ist alles 
wahr. Es genügt, aut das Argument eines zu erwidern: 
Lenin und Trotzki können sterben; wie werden die 
Nachfolger sein? Denn eines ist gewiß. Mögen aJl die 
alten Kommunisten, die das Wachsen und Werden der 
bolschewistischen Partei gesehen haben, fest und uner- 
schütterlich sein: in dieser großen Partei sind sie heute 
nur ein kleiner Teil. Und die große Masse der Partei? 
Hier zeigt sich noch einmal der tiefste Irrtum, der in 
der Betrachtang von Lenin liegt: als könne man eine 
Partei absondern, sie in .Reinkultur hegen wie im 
Laboratorium, durch „Reinigung" um) „Reinigung" sie 
unverändert halten oder immer besser machen, als könne 
man eine Scheidewand errichten zwischen ihr und den 
breiten Massen, die im Qeschehnls sich bewegen. Die 
Partei ist Teil des sozialen Seins und die Partei, die 
auch nur ein Lustrum lang die Politik der Konzessionen 
getragen hat, wird den Geist dieser Politik wider- 
spfegeln, nicht den der Revolution. 

Und so kommen wir zurück zu der Krage, von 
der wir ausgingen: das Sowjetsystem ist kein Panacee, 
die immer und unter allen Umstanden den Charakter 
proletarischer Machtentlaltung garantiert. Es ist nur 
die günstigste Form, in der das Proletariat seinen 
Klassenkampf weiter fahrt Verzichtet es, auch bei d«r 

52 



Sowjetform, auf den Klassenkampf, so werden die Kräfte 
seiner Gegner mächtig. Selbst im Sowjetsystem kann 
dann die Diktatur der Bourgeoisie (oder der Bauern) 
über das Proletariat sich erheben. 

Und auf den Tag zu warten, wo es möglich tet, 
den Kampf für das Proletariat fortzusetzen? Wir fürchten, 
die Politik der Bolschewiki verschiebt diesen Tag in 
weite Ferne. 

VIII. 

Bevor wir hierauf noch näher eingehen, möchten 
wir die Stellung von Rosa Luxemburg demgegenüber 
skizzieren, so, wie sie sich aus ihrer Gesamteinstellung 
in der vorliegenden Schrift einwandfrei ergibt. 

Wir glauben, den tiefen Gegensatz zwischen den 
Bolschewiki und Rosa Luxemburg nicht deutlicher 
machen zu können, als wenn wir auf folgendes hin- 
weisen: für die Bolschewiki ist die proletarische Revo- 
lution ein Vorgang, der sich in dem System Vorhut, 
Vortrupp und Masse abspielt. Die Vorhut bedient sich 
des „Hebels", braucht den „Sauerstoffbeliälter", zieht 
„heran". Kurzum das System, in dem der höhere Kreis 
auf den niederen Kreis mit mechanischen Mitteln wirkt 
Nichts ist bezeichnender als das: als den Bolschewiki 
im Frühjahr 1921 der Zusammenhang mit den proleta- 
rischen Massen verloren ging, den früher das Sowjet- 
System hergestellt hatte, besannen sie sich auf — eine 
Organisationsform und fanden, daß jetzt die Gewerk- 
schaften der .Hebel* seien. 



53 



Welches war die Auffassung von Rosa Luxemburg 
Dber das Werden der sozialistischen Gesellschaftsordnung? 
Sie sagt: 

„Das sozialistische Gesellschaftssystem soll 
und kann nur ein geschichtliches Produkt sein, 
geboren aus der eigenen Schule der Erfahrung, in 
der Stunde der Erfüllung, aus dem Werden der 
lebendigen Geschichte, genau wie die organische 
Natur, deren Teil sie letzten Endes ist . . ." 
Ihre im Tiefsten ausgeglichene Seele kannte keine 
Scheidungen und Wände, ihr war das All ein lebendiger 
Prozeß des Werdens, in dem nicht Hebelkraft und 
Sauerstotfbehälter das Walten der Natur ersetzen können, 
in dem das Kämpfen, Ringen, Streben der Menschen, 
in dem der große Kampf, der dem Einzelnen, der den 
Geschlechtern, der den Standen, der den Klassen ob- 
liegt, die Form des Werdens ist. In der sie drum 
nicht wollte, daß keiner kämpfe, weil alles von selber 
werde; in der sie den lebendigsten Kampf wollte, weil 
er die lebendigste Form des Werdens Ist, 

Aus dieser ihrer Grundstellung ergibt sich ihr 
Urteil über die Politik der Bolschewik! ohne weiteres, - 
War sie die demokratische Betschwester, die nicht 
wollte, daß auf jemandes Haupt ein Haar gekrümmt 
werde, das nicht nach dem Spruch des Gesetzes ver- 
fallen sei? Gewißlich nicht Sie wußte den Kampf 
als Kampf, den Krieg als Krieg, den Bürgerkrieg als 
Bürgerkrieg zu fahren. Aber sie konnte sich den 
Bürgerkrieg nur vorstellen als ein freies Spiei der Kräfte, 

54 



□Igiiizedby Google 



in dem salbst die Bourgeoisie nicht durch Polireimaß- 
nahmen in die Kellerlöcher verbannt wird, weil nur im 
offenen Kampf der Maasen diese wachsen, sie die dröSe 
und Schwere ihres Kampfes erkennen konnten. Sie 
wollte die Vernichtnng der Bourgeoisie durch öden 
Terrorismus, durch das eintönige Geschäft des Henkens 
ebensowenig, ala der Jäger das Raubzeug in seinem 
Walde vernichten will. Im Kampf mit diesem «oll das 
Wild stärker und größer werden. Für sie war die 
Vernichtung der Bourgeoisie, die auch sie wollte, das 
Ergebnis der sozialen Umschichtung, die die Revo- 
lution bedeutet. 

War schon die Bekämpfung der Bourgeoisie Im 
Politelsinn ihrer Anschauung nicht entsprechend, so ist 
es kein Zweifel, wie sie diese Maßnahmen gegenüber 
proletarischen Teilen beurteilt hat. Gewiß hat sie allen 
Reformismus für einen Fehler, für eine schwere Ab- 
irrung der Arbeiterschaft gehalten. Sie hat ihn bekämpft, 
wo immer sie konnte. Sie war in Deutschland die 
Schöpferin und Führerin des Kampfes gegen den Re- 
formismus. Sie hat in diesem Werke selbst den 
Reformismus mit-aller Schärfe bekämpft. Aber schließ- 
lich stand all dieser Kampf doch immer im Zeichen der 
Worte, mit denen eie jenen Artikel in der .Neuen Zeit" 
von 1904 schloß: ' 

.Fehltritte, die eine wirkliche revolutionäre 
Arbeiterbewegung begeht, sind geschichtlich uner- 
meßlich fruchtbarer und wertvoller als die Unfehl- 
barkeit des allerbesten Zentralkomitea».'' 



Gewiß haben die menschewislischen Arbeiter 
Rußlands Fehler gemacht. Gewiß glauben wir, daß sie 
die hohe Aufgabe des Jahres 1917 nicht erkannt, daß 
sie später oft gewankt haben. Aber keiner kann be- 
streiten, daß sie, behaftet mit ihren Fehlern, doch Teil 
der großen revolutionären Arbeitermasse gewesen sind, 
die 1917 gegen den Zaren, die 1918 gegen die 
Tschechoslowaken, die 1919 gegen Koltschak und 
Judenitsch, die 1920 gegen Wrangel gestanden hat. Sie 
haben Fehler gemacht, vielleicht haben einzelne von 
ihnen Schritte unternommen, die mit dem Bestand der 
Räterepublik unverträglich waren. Die mußten bestraft 
werden; das ist das Lebensgesetz aller Staaten. Aber 
die Parteien als Parteien, als Strömungen, mit Polizei- 
mitteln von der Oberfläche verbannen, ihnen das Licht 
des Tages nehmen: das war für Rosa Luxemburg eine 
unmögliche Vorstellung; nicht um der Reformisten 
willen, sondern um der Revolution und der Revolutionäre 
selber willen, die nur dann, wenn sie die Fehler frei 
bekämpfen, auch innerlich überwinden können. Denn 
auch die Erfahrungen, die Revolutionäre aus dem Kampf 
gegen den Reformismus schöpfen, kann ihnen kein 
Führer, keine Polizeibehörde, keine Tscheka ersetzen. 
Sie müssen die Erfahrungen machen im eigenen Kampfe. 

Wir glauben, daß diese Grundeinstellungen, die 
schon den Kern der Auseinandersetzung zwischen Lenin 
und Rosa Luxemburg im Jahre 1904 bildeten und die 
rieh jetzt in gigantischem Maße gegenüberstanden, von 
der Geschichte der nissischen Revolution geprüft worden 

56 



sind. Wir glauben, daß Rosa Luxemburg, aus dieser 
ihrer Einstellung heraus, prophetisches Auges die 
Klippen .gesehen hat, an denen das Schiff der Sowjet- 
republik jetzt 30 schweren Schaden nahm. 

Wir haben bereits oben auf die Kritik hingewiesen, 
die Sie an der Agrarpolitik der Bolsehewifci übte. .Sie 
türmt vor der Umgestaltung der Agrarverhältnisse !m 
sozialistischen Sinn unüberwindliche Schwierigkeiten 
auf." „Die Leninsche Agrarreform hat dem Sozialis- 
mus auf dem Lande eine neue mächtige Volksschicht 
von Feinden geschaffen, deren Widerstand viel gefahr- 
licher und zäher sein wird als der der Großgrund- 
besitzer." 

Wie das geworden ist, haben wir gesehen. Die 
Wirkimgen sind freilich noch beträchtlicher als Rosa 
Luxemburg sie vorausgesehen hat. Sie dachte an den 
Widerstand, den die Bauern der Umgestaltung der Agrar- 
verhältnisse leisten würden. Die Dinge sind so ge- 
kommen, daß die Bauern imstande sind, die Umgestaltung 
der Indusrie Verhältnisse rückgängig zu machen. 

Hier, glauben wir, setzt der zweite Fehler ein, den ' 
Rosa Luxemburg bemängelte, und dessen Verfolgung 
sie mehr Eifer und Glut widmete als jenem. 

.Mit dem Brdrücken des politischen Lebens im 
ganzen Lande muß auch das Leben i.i den Sowjets 
immer mehr erlahmen. Ohne allgemeine Wahlen, 
ungehemmte Preß- und Versammlungsfreiheit, freien 
Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder offen t- 

57 



liehen Institution, wird zum Scheinleben, in der die 
Bureaukratte das allein tätige Element ist." 
Wir haben gesehen, wie 1921, als der große Vor- 
stoß der Bauern kam, die Auseinandersetzung,- die auch 
die Bolschewiki schon lange kommen sahen, die Bol- 
schewik! eben damit beschäftigt waren, das Leben in 
den Arbeitermassen zu retablieren. Die Sowjets waren 
tot. Sie bildeten nicht mehr auch nur die mechanische 
Verbindung zwischen Vorhut, Vortrupp und Gros, sie 
bildeten noch weniger jene grandiose Totalität, von der 
Trotaki spricht, in der „die Bewegung sich selbst als 
Ganzes nimmt". Ausgebrannte Asche waren sie. Und 
die Gewerksc halten sollen als notdürftiger Ersatz gelten, 
weil sie die einzige Organisation sind, in denen über- 
haupt noch größere Massen von „Parteilosen" vorhanden 
sind. Parteilose? Gibt es einen schwereren Vorwurf 
als den, daß in dem Prolefariat, das als leuchtendes 
Vorbild vor den Proletariern stand seit 1905 und stehen 
wird auf alle Zeiten, nach vier Jahren proletarischer 
Herrschaft die übergroße Masse „parteilos" ist? Sind 
sie wirklich interesselos geworden? Stehen sie gleich- 
gültig und gesenktes Hauptes daneben, wenn um ihr 
Leben gespielt wird, das sie so oft in die Schanzen 
geschlagen haben? Sind sie gleichgültig geworden oder 
scheuen sie es zu sagen, was sie denken? Hüten sie 
ihre Zunge oder ist ihnen die Revolution zum Ekel 
geworden, daß sie „parteilos" sind? Ist nicht ein jeder 
von ihnen ein lebendiger Vorwurf? Wie dem auch sei. 
Die russische Revolution und ihre führende Partei hat 



nicht versfanden, diese Massen mit dem Geschick der 
Revolution zu verknüpfen. Sie stehen beiseite und nicht 
in der Reihe der Kämpfer. Das öffentliche Leben ist 
tot. Der Geist der Demokratie, der allein den Odem 
der Massen bildet, ist gestorben. Eine straff zentrali- 
sierte Partei, ein glänzendes Zentralkomitee, eine schlechte 
Bureaukratie schwebt über den Wassern. Drunten aber 
ist alles wüst und leer. Und so hat der Stoß des 
Bauerntums nicht ein starkes, lebendiges, reges, be- 
geistertes Proletariat gefunden. Er fand eine Vorhut, 
die hinter sich — kein Gros hatte. Da war das Schick- 
sal der Vorhut entschieden. 

„Diktatur des Proletariats." Jetzt können wir 
sehen, was sie ist. Sie ist kein Zustand, der in den 
breiten Regionen der Sozialphilosophie sich abspielt 
Sie ist keine patentierte Staatsform, die eine geheime 
Kraft in sich birgt Sie ist die eroberte Staatsgewalt 
dann und solange, als der Wille, die Kraft, die Be- 
geisterung, die Siegeszuversicht der proletarischen Klasse 
hinter ihr steht Sie ist Zustand und Staatsforrn zumal, 
das eine ausgedrückt durch das andere. Sie ist Kern 
nnd Schale zugleich, und wo der Kern und wo die 
Schale schwinden, da ist die .Diktatur des Proletariats" 
dahin. 

Der belebende Hauch dieser Siegeszuversicht und 
des WiJlens der proletarischen Klasse würde auch, so 
glauben wir, viele von den Hindernissen nehmen lehren, 
an denen die russische Revolution so blutende Wunden 
davongetragen hat Denn letztes Endes besteht doch 



59 



das Leben' eines großen Volkes nicht nur ans arith- 
metischen Größen und mechanisch zu berechnenden 
Kräften. Wie kam es, wenn es erlaubt ist. Kleines mit 
Großem zu vergleichen, daß am 10. November 1918, 
als die deutsche Arbeiterklasse ohne Organisation war, 
nur die ersten, dann traurig verdorrten Ansätze einer 
kommenden Organisation sich zeigten, daß damals aus 
Erich Ludendorff Erich Lindstrüm ward, der Kronprinz 
Rupprecht in den Schutz der spanischen Botschaft floh 
und die „Kreuz-Zeitung" ihren preußischen Kuckuk 
vom Schilde nahm, dieweil drei Jahre später, einer 
»wohlgeordneten Republik" gegenüber, Erich Lindstrom 
wieder Erich Ludendorff und Retter des Vaterlandes, 
der spanische Rupprecht wieder deutsch und Kron- 
prätendent, die „Kreuz-Zeitung" wieder .Mit Gott für 
Konig und Vaterland" geworden ist? Nicht nur des- 
wegen, weil die deutsche Republik nicht kann, was sie 
gar nicht will: deswegen, weil sie das nicht bat und 
nicht haben kann, jene sieghafte revolutionäre „Autorität" 
die selbst die jämmerliche deutsche Revolution in ihrem 
ersten Anlauf besaß und die ihre Feinde in die Mause- 
locher jagte kraft dieser .Autorität". Das ist der 
„Schrecken der Revolution". Wo aber diese gewaltige 
Kraft der Klasse erlischt, da müssen auf die Dauer die 
Ersatzmittel versagen, die Konzession nach der einen, 
die Organisation nach der anderen Seite, die Polizei- 
maßnahme nach beiden. 

Es ist nicht nur Maß und Zahl in den Dingen; 
es ist ein Geist, der Ober allem wehen muß und der 



60 



allein die proletarische Revolution erheben kann zu 
Jener geschieht! ichen und ethischen Oröße, in der sie 
ihr großes Ziel vollenden kann. 

IX. 

Wer solches schreibt, schreibt sich ein StGck vom 
eigenen Herzen weg. Denn immer wieder ist ja die 
große Tragik der russischen Revolution, daß letztes 
Endes all ihre Fehler und all ihre Irrungen möglich 
waren nur dadurch, daß sie als erstes Glied sich be- 
trachtete der großen Weltauseinandersetzung und daß 
das Weltproletariat sie im Stich gelassen hat. Und 
doch glauben wir, daß mit Vorwürfen es nicht 
getan sei, sondern daß es Pflicht sei, die Dinge so zu 
sehen, wie sie sind. Wir können die .Weltrevolution" 
in Europa nicht „machen", nicht aus eigenen Kräften 
und nicht mit freundlicher Unterstützung. Darin bestand 
eben, wie Rosa Luxemburg betont, der große Wurf der 
bolschewistischen Politik in ihrer ersten Zeit, daß sie so 
ganz darauf gestellt „die Aktionsfähigkeit des Proletariates, 
die Tatkraft der Massen, den Willen zur Macht des 
Sozialismus überhaupt" zu entfesseln. Nicht nur war 
es die Absicht der Politik der Bolschewiki, es war 
auch in der Tat die Frucht ihrer Politik. Noch hat 
nicht jemals ein Ereignis in der Welt so die Millionen 
Proletarier seelisch in Besitz genommen, noch hat nie 
jemals eine Tat die Entwicklung des Erwachens der 
Proletarier in der Welt beflügelt, wie Sowjetiu Bland 
durch die Tatsache, daß es stand, durch die Tatsache, 



61 



wie es hielt, durch die Tafsache, wie über allen wirk- 
lichen oder vermeintlichen Fehlern, über aller Partei- 
kritik und Parteifehde die Proletarier den glühenden, 
unbezähmbaren Willen zum Siege des Weltproletariates 
erkannten. Es ist nicht zu bestreiten, daß diese Ent- 
wicklung unterbrochen worden ist durch Gründe, die 
nicht oder nur zum Teil in Rußland zu suchen sind. 
Aber gerade diese, für die Arbeiterbewegung jedes Landes 
und für jede Arbeiterpartei außerordentlich schwierige 
und krisenhafte Situation bedarf doppelter Aufmerk- 
samkeit dort, von wo großer Nutzen und großer Schaden 
gestiftet werden kann. Wir werden uns nicht in Details 
verlieren. Wir wollen ein Beispiel herausgreifen. Der 
deutsche Kapitalismus tastet an die Reichselsen bah n- 
betriebe. Bei der Spannung der sozialen und politischen 
Gegensätze in Deutschland: wer weiß von welchem 
Punkte aus große soziale Kämpfe in Deutschend ent- 
brennen können. Vielleicht von der Eisenbahn; sämt- 
liche Organisationen der Eisenbahner erklären' sich zur 
Anwendung der äußersten Mittel bereit Es kann die 
grundsätzliche Frage Privat kapitalismus oder öffentlicher 
Besitz aufgeworfen werden. Womit sollen die deutschen 
Arbeiter Stinnes bekämpfen, wenn er ihnen aus der 
„Roten Fahne" den Artikel von Lenin*) verliest: 

„Die persönliche Interessiertheit hebt die Pro- 
duktion". 

Die russische Revolution blieb der kostbare Schatz 
für alle Arbeiter, weil sie in ihr — und wenn sie Fehler 
■) „Rote Fahne", 30. Oktober 1931, 1. Beilage. 



62 



sahen — die klarste, entschiedenste, eindeutigste Ver- 
tretung des proletarischen Seins und der proletarischen 
Zukunft erkannten: die nissische Revolution würde diese 
ihre Rolle nicht spielen können, wenn dieses Gefühl 
bei den Arbeitern verloren ginge. 

Die Rolschcwiki haben etwas in Händen gehabt: 
den größten moralischen Fonds, den die Arbeiterklasse 
je gesammelt hat. Das wird keiner bestreiten, der die 
Jahre 1918, 1919, 1920 miterlebte. Wir haben es schon 
in anderem Zusammenhange beklagt, wie von diesem 
Fonds unnütz und nie wiederbringlich geopfert 
wurde. Würde dieser Fonds ganz verloren gehen: es 
mag Leute geben, die das leichten Herzens nehmen. 
Wir glauben, daß die Arbeiterschaft der ganzen Welt 
seelisch daran verarmen Würde und>daß die Arbeit von 
vielleicht Jahrzehnten nötig sein würde, um wieder auf- 
zubauen, was 1918 war. 



63 



Aus dt.\i Nachlass voa 

Rosa Luxemburg 



Oigitized Dy Google ■ 



ie russische Revolution ist das gewaltigste Faktum 
des Weltkrieges. Ihr Ausbruch, ihr beispielloser 
Radikalismus, ihre dauerhafte Wirkung strafen 
am besten die Phrase Lügen, mit der die offizielle 
deutsehe Sozialdemokratie den Eroberungsfeldzug des 
deutschen Imperialismus im Anfang diensteifrig ideo- 
logisch bemäntelt hat: die Phrase von der Mission der 
deutschen Bajonette, den russischen Zarismus zu stürzen 
und seine unterdrückten Völker zu befreien. Der ge- 
waltige Umfang, den die Revolution in Rußland an- 
genommen hat, die tiefgehende Wirkung, womit sie alle 
Klassenwerte erschüttert, sämtliche sozialen und wirt- 
schaftlichen Probleme aufgerollt, sich folgerichtig vom 
ersten Stadium der bürgerlichen Republik zu immer 
weiteren Phasen mit der Fatalität der inneren Logik 
voranbewegt hat, — wobei der Sturz des Zarismus nur 
eine knappe Episode, beinahe eine Lappalie geblieben 
ist, — all dies zeigt auf flacher Hand, daß die Befreiung 
Rußlands nicht das Werk des Krieges und der militä- 
rischen Niederlage des Zarismus war, uicht das Verdienst 
„deutscher Bajonette in deutschen Fäusten", wie die 
„Neue Zeit" unter der Redaküon Kautskys im Leitartikel 
versprach, sondern daß sie im eigenen Lande tiefe 
Wurzeln hatte und innerlich vollkommen reif war. 



67 



Das KriegsftbGnteuer dos deutschen Imperialismus unter 
dem ideolog-ischüiiiStliili.!.. di.T d c u 's dien Sozialdemok ratio 
hat dio Revolution in Rußland nicht herbeigefülirt, 
sondern nur lür eine Zeitlang, anfänglich — nach ihrer 
ersten steigenden Sturmflut in den Jahren 1911—13 
— unterbrochen und dann — nach ihrem Ausbruch — 
Ihr die schwierigsten, abnormsten Bedingungen ge- 
schaffen. 

Dieser Verlauf ist abar für Jeden denkondea 
Beobachter auch ein schlagender Beweis gegen die 
doktrinäre Theorie, dio Kautsky mit der Partei der 
Itögierungasozialdeuiokraten teilt, wonach Rußland als 
wirtschaftlich zuvüekui_-ldiijbeii';s, voi wirkend agrarisches 
Land, für dio soziale Revolution und für eine Diktatur 
des Proletariats noch nicht reif wäre. Dleso Theorie, 
die in Rußland nur eino bürgerliche Revolution für 
angängig hält — aus welcher Auffassung Bich dann 
auch die Taktik der Kohjüoi: der Sozialisten in Ruß- 
land mit dem bürgerlichen Liberalismus ergibt — ist 
zugleich diejenige des opportunistischen Flügels in der 
russischen Arbeiterbewegung, der sogenannten Mensche- 
wiki unter der bewährten Führung Axelroda und Dans. 
Beide: die russischen wie die deutschen Opportunisten 
treffen in dieser grundsätzlichen Auffassung der rus- 
sischen Revolution, aus der sich die Stellungnahme au 
den Detailfragen der Taktik von selbst ergibt, voll- 
kommen mit den deutschen Regierungssozialisten zu- 
sammen: nach der Meinung aller drei liiltte die russische 
Revolution bei jenem Stadium Halt machen sollen, das 

«1 



Oigitized Dy Google 



sich die Kriegführung des deutschen Imperialismus nach 
der Mythologie ■ der deutschen Sozialdemokratie zur 
edlen Aufgabe stellte: beim Sturz des Zarismus. Wenn 
sie darüber hinausgegangen ist, wenn sie sich die 
Diktatur des Proletariats zur Aufgabe gestellt hat, so 
ist das nach jener Doktrin ein einfacher Fehler des 
radikalen Flügels der russischen Arbeiterbewegung, der 
Bolschewiki, gewesen' und alle Unbilden, die der 
^Revolution in ihrem weiteren Verlauf zugestoßen sind, 
alle "Wirren, denen sie zum Opfer gefallen, stelleil sich 
eben als ein Ergebnis dieses verhängnisvollen Fehlers 
dar. Theoretisch läuft diese Doktrin, die vom 
Stampferischen Vorwärts wie vonKautsky gleichermaßen 
als Frucht „marxistischen Dcnkcnn" empfohlen wird, 
auf die originelle „marxistische" Entdeckung hinaus, 
daß die sozialistische Umwälzung eine nationale, so- 
zusagen häusliche Angelegenheit jedes modernen 
Staates für sich sei. In dem blauen Dunst des abstrakten 
Schemas weiö ein Kautsky natürlich sehr eingehend 
die weltwirtschaftlichen Verknüpfungen des Kapitals 
auszumalen, die aus allen modernen Ländern einen 
zusammenhängenden Organismus machen. Rußlands 
Revolution — eine Frucht der internationalen Verwicklung 
und der Agrarfrage, ist aber unmöglich in den Schranken 
der bügerlichen Gesellschaft zu lösen. 

Praktisch hat diese Doktrin die Tendenz, die 
Verantwortlichkeit dos internationalen, in erster Linie 
des' deutschen Proletariats, für die Geschicke der 
russischen Revolution abzuwälzen, die internationalen 



Zusammenhänge dieser Revolution zu t leugnen. Nicht 
Rußlands Unreife, sondern die Unreife des deutschen. 
Proletariats zur Erfüllung der historischen Aufgaben 
hat der Verlauf dos Krieges und der russischen Revolution 
erwiesen und dies mit aller Deutlichkeit hervorzukehren, 
ist -die erste Aufgabe einer kritischen Betrachtung der 
russischen Revolution. Die Revolution Rußlands war in 
ihren Schicksalen völlig von den internationalen Ereig- 
nissen abhängig. Daß die Bolschewiki ihre Politik gänzlich 
auf die Weltrevolution des Prald;i.n;;'s slellleu, ist gerade 
das glänzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks 
und ihrer grundsätzlichen Festigkeit, des kühnen Wurfs 
ihrer Politik. Darin ist der gewaltige Sprung sichtbar, 
den die kapitalistische Entwicklung in dem letzten 
Jährzehnt gemacht hatte. Die Revolution 1005—07 
fand nur ein schwaches Echo in Buropa. Sie mußte 
deshalb ein Anfangskapitel bleiben. Fortsetzung und 
Lösung waT an die europäische Entwicklung gebunden. 
Es ist klar, daß nicht kritikloses Apologeten tum, 
sondern nur eingehende nachdenkliche Kritik imstande 
ist, die Schätze an Erfahrungen und Lohren zu heben. 
Es wäre in der Tal eine wahnwitzige Vorstellung, daß 
bei dem ersten welthistorischen Experiment mit der 
Diktatur der Arbeiterklasse und zwar unter den denk- 
bar schwersten Bedingungen: mitten im Wcltbrand und 
Chaos eines imperialistischen Völkermord ens in der 
eisernen Schlinge der reaktionärsten Militärmacht 
Europas, unter viilliireui Versagen des inl ernationalen 
Proletariats, daß hei einem Experiment der Arbeiter- 
in 



diktatur unter so abnormen Bedingungen just alles, 
■was in Rußland getan und gelassen wurde, der Gipfel 
der Vollkommenheit gewesen sei. Umgekehrt zwingen 
die elementaren Begriffe der sozialistischen Politik und 
die Einsicht in ihre notwendigen historischen Voraus- 
setzungen zu der Annahme, daß unter so fatalen 
Bedingungen auch der riesenhafteste Idealismus und 
die Bturmfostestc revolutionäre Energie nicht Demokratie 
und nicht Sozialismus, sondern nur ohnmächtige, verzerrte 
Anlaufe zu beiden zu verwirklichen imstande seien. 

Sich dies in allen tiefgehenden Zusammenhängen 
und Wirkungen klar vor die Augen zu führen, ist gerade- 
zu elementare Pflicht der Sozialisten in allen Ländern. 
Denn nur au einer solchen bitteren Erkenntnis ist dia 
ganze Größe der eigenen Verantwortung des inter- 
iiatioiiiil-jn I J roi.r.i(;'.r!Et3 für die Schicksale der russischen 
Revolution zu ermessen. Andererseits kommt nur auf 
diesem Wege die entscheidende Wichtigkeit des ge- 
schlossenen internationalen Vurg-lieus <kir proklnrischen 
Revolution zur Geltung, — als eine Grundbedingung, 
ohne die auch, die größte Tüchtigkeit und die höchsten 
Opfer des Proletariats in einem einzelnen Lande sich 
unvermeidlich in einen Wirraal von Widersprüchen und 
Fehlgriffen verwickeln müssen. 

Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß die klugen 
Eöpfe an der Spitzß der russischen Revolution, daß 
Lenin und Trotzki auf ihrem dornenvollen, von Schlingen 
aller Art umstellten Weg, gar manchen entscheidenden 
Schritt nur unter iri'uCtcn innere:! Zweifeln und mit dem 



heftigsten inneren Widerstreben taten und daß ihnen 
selber nichts ferner liegen kann, als all ihr unter dem 
bittern Zwange und Drange in gärendem Strudel der 
Geschehnisse eingegebenes Tun und Lassen von der 
Internationale als erhabenes Muster der sozialistischen 
Politik hingenommen zu sehen, für das nur kritiklose 
Bewunderung und eifrige Nachahmung am Platze "wäre. 

Es wäre ebenso verfehlt, zu befürchten, eine 
kritische Sichtung der bisherigen Wege, die die russische 
Revolution gewandelt, sei eine gefährliche Untergrabung 
des Ansehens und des faszinierenden Beispiels der 
russischen Proletarier, das allein die fatale Trägheit 
der deutschen Massen überwinden könne. Nichts ver- 
kehrter als dies. Das Erwachen der revolutionären 
Tatkraft der Arbeiterklasse in Deutschland kann 
nimmermehr im Geiste der Bevormundungsmethoden 
der deutschen Sozialdemokratie seligen Angedenkens 
durch irgend eine Massensuggestion, durch den blinden 
Glauben an irgendeine fleckenlose Autorität, sei es die 
der eigenen „Instanzen" oder die des „russischen Bei- 
spiels" hervorgezaubert werden. Nicht durch Erzeugung 
einer revolutionären Hurrastimmung, sondern umgekehrt: 
nur durch Einsieht in den ganzen furchtbaren Ernst, 
die ganze Kompliziertheit der Aufgaben, aus politischer 
Reife und ungläubiger Selbständigkeit, aus kritischer 
Urteilsfähigkeit der Massen, die von der deutschen 
Sozialdemokratie unter verschiedensten Vorwänden 
jahrzehntelang systematisch ertötet wurde, kann die 
geschichtliche Aktionsfähigkeit des deutschen Prole- 



12 



tariats geboren werden. Sich kritisch mit der rassischen 
Revolution in allen historischen Zusammenhängen aus- 
einanderzusetzen, ist die beste Schulung der deutschen 
Wie der internationalen Arbeiter für die Aufgaben, die 
Omen aus der gegen wärt igen Situation erwachsen, 

II. 

Die erste Periode der russischen Revolution von 
deren Ausbruch im März bis zum Oktoberumsturz ent- 
spricht in ihrem aligemeinen Verlauf genau dem Ent- 
wicklungsschema sowohl der großen englischen wie der 
großen französischen Revolution. Ks ist der typische 
Werdegang jeder ersten großen General auseinander- 
Setzung der im Schöße der bürgerlichen Gesellschaft 
erzeugten revolutionären Kräfte mit den Fesseln der 
alten Gesellschaft, 

Ihre Entfaltung bewegt sich naturgemäß auf auf- 
steigender Linie: von gemäßigten Anfängen zu immer 
größerer Radikalisierung der Ziele und parallel damit 
von der Koalition der Klassen und Parteien zur Allein- 
herrschaft der radikalen Partei. 

Im ersteh Moment im März 1917 standen an der 
Spitze der Revolution die „Kadetten", d. h. die liberale 
Bourgeoisie. Der allgemeine erste Hochgang der 
revolutionären .Flut riß alle und alles mit: die vierte 
Duma, das reaktionärste Produkt des aus dem Staats- 
streich hervorgegangenen reaktionärsten Vierklassen- 
wahlrechte verwandelte sich plötzlich in ein Organ der 
Revolution, SanitlichebQrgerHcheParteien,einseliließlioh 



der nationalistischen Rechten, bildeten plötzlich eine 
Phalanx gegen den Absolutismus. Dieser fiel auf den 
ersten Ansturm fast ohne Kampf, wie ein abgestorbenes 
Organ, das nur angerührt zu werden brauchte, um da- 
hin zu fallen, Auch der kurze Versuch der liberalen 
Bourgeosie, -wenigstens diu Dynastie und den Thron zu 
retten, zerschellte in wenigen Stunden. Der reißende 
Fortgang der Entwicklung tibersprang in Tagen und 
Stunden Strecken, zu denen Frankreich einst Jahrzehnte 
brauchte. Hier zeigte sich, daß Rußland die Resultat« 
der europäischen Entwicklung eines Jahrhunderts re- 
alisierte und vor allem — daß die Revolution des Jahres 
1917 eine direkte Fortsetzung der von 1905—07, nicht 
ein Geschenk der deutschen „Befreier" war. Die Be- 
wegung im März 1917 knüpfte unmittelbar dort an, wo 
die vor zehn Jahren ihr Werk abgebrochen hatte. Die 
demokratische Republik war das fertige, innerlich reife 
Produkt gleich des ersten Ansturms der Revolution. 

Jetzt begann aber die zweite, schwierige Aufgabe. 
Die treibende Kraft der Revolution war vom ersten 
Augenblick an die Masse des städtischen Proletariats. 
Seine Forderungen erschöpften sich aber nicht in der 
politischen Demokratie, sondern richteten sich auf die 
brennende Frage der internationalen Politik: sofortigen 
Frieden. Zugleich stürzte sich die Revolution auf die 
Masse des Heeres, das dieselbe Forderung nach so- 
fortigem Frieden erhob, und auf die Masse des Bauern- 
tums, das die Agrarfrage, diesen Drehpunkt der 
Revolution sehon seit 1905, in den Vordergrund schob. 

74 



Sofortiger Frieden und Land — mit diesen beiden 
Zielen -war die innere Spaltung der revolutionären 
Phalanx gegeben. Die Forderung des sofortigen Friedens 
setzte sieb, in schärfsten Widerspruch mit der imperia- 
listischen Tendenz der liberalen Bourgeoisie, deren 
Wortführer Miljukow war; die Landfrage war das 
Schreckgespenst zunächst für den anderen Flügel der 
Bourgeoisie: für das Landjunkertum, sodann aber, als 
Attentat auf das heilige Privateigentum Uberhaupt, ein 
wunder Punkt für die gesamten bürgerlichen Klassen. 

So begann am andern Tage nach dem ersten Siege 
der Revolution ein innerer Kampf in ihrem Schöße tun 
die beiden Brennpunkte: Frieden und Landfrase. Die 
liberale Bourgeoisie begann eine Taktik der Verschleppung 
und der Ausflüchte. Die Arbeitermassen, die Armee, 
das Bauerntum drängten immer ungestümer. Es unter- 
liegt keinem Zweifel, daß mit der Frage des Friedens 
und der Landfrage auch die Schicksale selbst der 
politischen Demokratie der Eepublik verknüpft waren. 
Die bürgerlichen Klassen, die, von der ersten Sturm- 
welle der Revolution überspült, sich bis zur repu- 
blikanischen Staatsform hatten mit fortreißen lassen, 
begannen alsbald nach rückwärts Stützpunkte zu suchen 
und im stillen die Konterrevolution zu organisieren. 
Der Kaledin'sche Kosakenfeldzug gegen Petersburg hat 
dieser Tendenz deutlichen Ausdruck gegeben. Wäre 
dieser Vorstoß von Erfolg gekrönt gewesen, dann war 
nicht nur die Friedens- und die Agrarfrage, sondern 
auch das Schicksal der Demokratie, der Republik selbst 



75 



besiegelt. Militärdiktatur mit einer Schreckensherrschaft 
gegen das Proletariat und dann Rückkehr zur Monarchie 
wären die unausbleibliche Folge gewesen. 

Daran kann man das Utopische und im Kern 
Reaktionare der Taktik ermessen, von der sich die 
russischen Sozialisten der Kautsky'schen Richtung, die 
Menschewiki, leiten ließen. In die Fiktion von dem 
bürgerlichen Charakter der russischen Revolution fest- 
gebissen — dieweil ja Rußland für die soziale Revolution 
noch nicht reif sei — klammerten sie sich verzweifelt 
an die Koalition mit den bürgerlichen Liberalen, d. h. 
an die gewaltsame V (-hin -hing; derjenigen Kiemente, 
die durch den natürlichen inneren Gang der revolutio- 
nären Entwicklung gespalten, in schärfsten Widerspruch 
zueinander geraten waren. Die Axelrods, D;ms wollten 
um jeden Preis mit denjenigen Klassen und Parteien 
zusammenarbeiten, von denen der Revolution und ihrer 
ersten KiTtmgcisd;aft, der Demokratie, die größten 
Gefahren drohten. 

In dieser Situation gebührt denn der bolsche- 
wislischen Richtung das geschichtliche Verdienst, von 
Anfang an diejenige TaktÜ: proklamiert und mit eiserner 
Konsequenz verfolgt zu haben, die allein die Demokratie 
retten, und die Revolution vorwärts treiben konnte. 
Die ganze Macht ausschließlich in die Hände der 
Arbeiter- und Bauernmasse, in die Hände der Sowjets, 
— dies war in der Tat der einzige Ausweg aus der 
Schwierigkeit, in die die Revolution geraten war, das 
war der Schwertstreich, womit der gordische Knoten 



durchhauen, die Revolution ans dem Engpaß hinaos- 
geführt und vor ihr das freie Blachfeld einer un- 
gehemmten weiteren Entfaltung geöffnet wurde. 

Die Lerrin-Fartei war somit die einzige in Rußland, 
welche die wahren Interessen der Revolution in jener 
ersten Periode begriff, sie war ihr vorwartstreibendes 
Element, als in diesem Sinne die einzige Partei, die 
wirklich sozialistische Politik trieb. 

Dadurch erklärt sich auch, daß die Bolscbewiki, 
im Beginn der Revolution eine von allen Seiten ver- 
fehmt*, verleumdete und gehetzte Minderheit, in kürzester 
Zeit an die Spitze der Revolution geführt wurden und 
alle wirkliehen Volksmaasen: das städtische Proletariat, 
die Armee, das Bauerntum, sowie die revolutionären 
Elemente der Demokratie: den linken Flügel der 
Sozialisten -Revolutionäre unter ihrer Fahne sammeln 
konnten. 

Die wirkliche Situation der russischen Revolution 
erschöpfte sich nach wenigen Monaten in der Alter- 
native: Sieg der Konterrevolution oder Diktatur des 
Proletariats, Kaledin oder Lenin. Das war die objektive 
Lage, die sich in jeder Revolution sehr bald, nachdem 
der erste Rausch verflogen ist, ergibt und die sich in 
Rußland aus den konkreten brennenden Fragen nach 
dem Frieden und der Landfrage ergab, für die im 
Rahmen der „bürgerlichen" Revolution keine Lösung 
vorhanden war. 

Die russische Revolution hat hier nur bestätigt 
die Grundlehre jeder großen Revoluüon, deren Lebens- 



71 



gesäfe fitrfcty entweder muß sie sehr rasch und ent- 
schlossen vorwärts stürmen, mit eiserner Hand alle 
Hindernisse niederwerfen und ihre Ziele .immer weiter 
stecken oder sie wird sehr bald hinter ihren schwächeren 
Ausgangspunkt zurückgeworfen und von der Konter- 
revolution erdrückt. Bin Stillstehen, ein Trippeln auf 
demselben Fleck, ein Selbstbosebcidon mit dem ersten 
"iiiüial erreichten Ziel gibt ea in der Revolution nicht. 
Und wer diese hausbackenen Weisheiten aus den 

r-arliiiri'.üiUU'isch'.;!! Fl , Lisi:iiij;iiilsi;kr:i-:.'i;:. :..!! die revolu- 
tionäre Taktik ubertragen will, zeigt nur, daß ihm die 
Psychologie, das Lebensgesetz selbst der Revolution 
ebenso fremd wie alle historische Erfahrung ein Buch 
mit sieben Siegeln ist. 

Der Verlauf der englischen Devolution seit ihrem 
Ausbruch 1642. Wie die Logik c!i;r Dinge dazu trieb, 
daß erst die schwächlichen ^.jv.-srikuniren der Frcsby- 
terianer, der zaudernde Krieg gegen die /oyal istische 
Armee, in dem die preiV.'tiviiuiiseben Häupter einer 
entscheidenden Schlacht und einem Siege über Karl L 
geflissentlich auswichen, es zur unabweisbaren Not- 
wendigkeit machte, daß die Jndependenten sie aus dem 
Parlament vortrieben und die Gewalt an sich rissen. 
Und ebenso war es weiter innerhalb des Independenten- 
Heeres die un'.fvc kk-iiibdt'^-n^'ie Mits>c der PnMattm, 
die Lilburnschen „Gleichmacher", die die Stoßkraft der 
ganzen Independentonbewegung bildeten, sowie endlieh 
die proletarischen Elemente der Soldatenmasse, die am 
weitesten gehenden sozialumstürzlerisehen Elemente, 

IS 



die in der Digger- Bewegung ihren Ausdruck fanden, 
ihrerseits den Sauerteig der demokratischen „Gleich- 
maeher" -Partei darstellten. 

Ohne die geistige Wirkung der revolutionären 
proletarischen Elemente auf die Soldatenmas se, ohne_ 
den Druck der demokratischen Soldatenmasse auf die 
bürgerliche Oberschicht der Independentenpartei wäre 
es weder zur „Reinigung" des langen Parlaments von 
den Presbyterianern noch zur siegreichen Beendigung 
des Krieges mit dum Heer der Kavaliere und mit den 
Schotten, noch zum Prozeß und zur Hinrichtung Karl I., 
noch zur Abschaffung der Lordskammer und zur Pro- 
khimienmg der Rre-Jilih gekommen. 

Wie war es in der großen französischen Revolution? 
Die Machtergreifung der Jakobiner erwies sich hier 
nach vierjährige!]] Kämpfen als das einstige Mittel, die 
Errungenschaften der Revolution zu retten, die Republik 
zu verwirklichen, den Feudalismus zu zerschmettern, 
die revolutionäre Verteidigung nach innen wie nach 
außen zu organisieren, die Konspirationen der Konter- 
revolution zu erdrücken, die revolutionäre Welle aus 
Frankreich Uber ganz Europa zu verbreiten. 

Kaufsky und seine russischen Gesinnungsgenossen, 
die der russischen Revolution ihren „bürgerlichen 
Charakter" der ersten Phase bewahrt wissen wollten, 
sind ein genaues Gegenstück zu jenen deutschen und 
englischen Liberalen dos vorigen Jahrhunderts, die In 
der grolion französischen Revolution die bekannten zwei 
Perioden unterschieden; die „gute" Revolution der 



79 



ersten girondis tischen Phase und die „schlechte" seit 
dem jakobinischen Umsturz. Die liberale Seichtheit 
der Geschichtsauffassung brauchte natürlich nicht zu 
begreifen, daß ohne den Umsturz der „maßlosen" 
Jakobiner auch die ersten zaghaften und halben 
Errungenschaften der girondistisehen Phase alsbald 
unter den Trümmern der Revolution begraben worden 
wären, daß die wirkliche Alternative zu der Jakobiner- 
Diktatur, wie sie der eherne Gang der geschichtlichen 
Entwicklung im Jahre 1798 stellte, nicht „gemäßigte" 
Demokratie war, sondern — Restauration derBourbonen! 
Der „goldene Mittelweg" läßt sich eben in keiner 
Revolution aufrechterhalten, ihr Naturgesetz fordert 
eise rasche Entscheidung: entweder wird die Lokomotive 
Volldampf den geschichtliehen Anstieg bis zum äußersten 
Punkt vorangetrieben, oder sie rollt durch die eigene 
Schwerkraft wieder in die Ausgangs nie dorung zurück 
und reißt diejenigen, die sie auf halbem Wege mit iliren 
schwachen Kräften aufhalten wollen, rettungslos in den 
Abgrund mit. 

Dadurch erklärt sich, daß in jeder Revolution 
nur diejenige Partei die Führung und die Macht an 
eich zu reißen vermag, die den Mut hat, die vorwärts- 
treibende Parole auszugeben und alle Konsequenzen 
daraus zu ziehen. Daraus erklärt sich die klägliche 
Rolle der russischen Menschewiki, der Dan, Zeretelli 
u. a., die, anfänglich von ungeheurem Einfluß auf die 
Massen, nach längerem Hin- und Herpendeln, nachdem 
sfe Bich gegen die Übernahme der Macht und Ver- 



antwortuag mit Händen und FUQen gesträubt hatten, 
ruhmlos von der Buhne weggefegt worden sind. 

Dia Lonin-Partei war die einzige, tlio das Gebot 
und die Pflicht einer wirklich revolutionären Partei 
begriff, die durch dio Losung: alle Macht in die Hände 
des Proletariats und des Bauerntums, den Fortgang 
der Revolution geuichort hat 

Die Bolschewiki haben auch sofort als Zweck 
dieser Machtergreifung das ganze und weitgehendste 
revolutionäre Programm aufgestellt: nicht etwa Sicherung 
der bürgerlichen Demokratie, sondorn Diktatur des 
Proletariats zum Zwecke der Verwirklichung des 
Sozialismus. Sie haben sich damit das unvergängliche 
geschichtliche Verdienst erworben, zum ersten Mal die 
Endziele des Sozmlisnms als unmittelbares Programm 
der praktischen Politik iu proklamieren. 

Was eine Partei in geschichtlicher Stunde i\n 
Mut, Tatkraft, revolutionären Weitblick und Konsequenz 
aufzubringen vermag, das haben die Lenin, Trotzki 
und Genossen vollauf geleistet. Die ganze revolutionäre 
Ehre und Aktionsfähigkeit, die der Sozialdemokratie 
im Westen gebrach, war in den Bolschewiki vertreten. 
Ihr Oktoberaufstand war nicht nur eine tatsächliche 
Rettung für die russische Revolution, sondern auch eine 
Ehrenrettung des internationalen Sozialismus. 

III. 

Die Bolschewiki sind die historischen Erben der 
englischen H luiekmaeher und d er fr anziisi sehen Jakobin er. 



Aber die konkrete Aufgabe, die ihnen in der russischen 
Revolution nach der Machtergreifung zugefallen ist, war 
unvergleichlich schwieriger als diejenige ihrer geschicht- 
lichen Vorgänger. (Bedeutung der Agrarfrage. 
Schon 1905. Dann in der 3. Duma die rechten 
Bauern! Bauernfrage und Verteidigung, Armee.) Gewiß 
war die Losung der unmittelbaren sofortigen Ergreifung 
und Aufteilung des Grund und Bodens durch die Bauern 
die kürzest«, einfachste und lapidarste Formel, um 
zweierlei zu erreichen: den Großgrundbesitz zu zer- 
trümmern und die Bauern sofort an die revolutionäre 
Regierung zu fesseln. Als politische Maßnahme zur 
Befestigung der proletarisch-sozialistischen Regierung 
war dies eine vorzügliche Taktik. Sie hatte aber leider 
sehr ihre zwei Seiten und die Kehrseite bestand darin, 
daß die unmittelbare Landergreifung durch die Bauern 
mit sozialistischer Wirtschaft meist garnichts gemein hat. 

Die sozialistische Umgestaltung der Wirtschafte- 
verhültnisso setzt in Bezug auf die Agrarverhältnisse 
zweierlei voraus. — Zunächst die Nationalisierung 
gerade de3 Großgrandbesitzes als der technisch fort- 
schrittlichsten Konzentration der agrarischen Produk- 
tionsmittel und Methoden, die allein zum Ausgangspunkt 
der sozialistischen Wirtschaftsweise auf dem Lande 
dienen kann. Wenn man natürlich dem Kleinbauern 
seine Parzolle nicht wegzunehmen braucht und es ihm 
ruhig anheimstellen kann, sieh durch Vorteile des 
gesellschaftlichen Betriebes freiwillig zuerst fUr den 
genossenschaftlichen Zusammenschluß und schließlich 

82 



fflr die Einordnung in den sozialen Gesamtbetrieb ge- 
winnen zu lassen, so muß jede sozialistische Wirtechafta- 
reform auf dem Lande selbstverständlich mit dem Groß- 
und Mittelgrund hesitz anfangen. Sie muß hier das 
Eigentumsrecht vor allem auf die Nation oder, was bei 
sozialistischer Regierung dasselbe ist, wenn man will, 
auf den Staat tibertragen; denn nur dies gewährt die 
Möglichkeit, die landwirtschaftliche Produktion nach 
zusammenhängenden großen sozialistischen Gesichts- 
punkten zu organisieren. 

Zweitens aber ist eine der Voraussetzungen dieser 
Umgestaltung, daß die Trennung der Landwirtschaft 
von der Industrie, dieser charakteristische Zug der 
bürgerliehen Gesellschaft, aufgehoben wird, um einer 
gegenseitigen Durchdringung und Verschmelzung beider, 
einer Ausgestaltung sowohl der Ägrar- wie der Industrie- 
produktion nach einheitlichen Gesichte punkten Platz zu 
machen. Wie im einzelnen die praktische Bewirtschaftung 
sein mag: ob durch städtische Gemeinden, wie die einen 
vorschlagen, oder vom staatlichen Zentrum aus, — auf 
jeden Fall ist Voraussetzung eine einheitlich durchgeführte 
vom Zentrum aus eingeleitete Reform und als ihre Vor- 
aussetzung Nationalisierung dos Grund und Bodens. 
Nationalisierung des großen und mittleren Grundbesitzes, 
Vereinigung der Industrieund der Landwirtschaft, das sind 
zwei grundlegende Gesichtepunkte jeder sozialistischen 
"Wirtschafts reform, ohne die es keinen Sozialismus gibt. 

Daß die Sowjet-Regierung in Rußland diese ge- 
waltigen Reformen nicht durchgeführt hat, — wer kann 



ihr daß mm Vorwnrf machen! %3 wäre ein übler 
Spaß, von Lenin und Gonosson zu vorlangen oder zu 
erwarten, dafl sie in der kurzen Zeit ihrer Herrschaft, 
mitton im reißenden Strudel der inneren und äußeren 
Kampfe, von zahllosen Feinden und Widerstanden ringsum 
bedrängt, eine der schwierigsten, ja, wir können ruhig 
sagen: die schwierigste Aufgabe der sozialistischen 
Umwälzung lösen oder auch nur in Angriff nehmen 
sollten! Wir -werden uns, einmal zur Macht gelangt, 
auch im Westen und unter den günstigsten Bedingungen 
an dieser harten Nuß manohen Zahn ausbrechen, ehe 
wir nur aus den gröbsten der tausond komplizierten 
Schwierigkeiten dieser Eicsenaufgabe heraus sind! 

Eine sozialistische Regierung, die zur Macht 
gelangt ist, maß aber auf jeden Fall eins tun: Maß- 
nahmen ergreifen, die in der Eichtung auf jene grund- 
legenden Voraussetzungen einer späteren sozialistischen 
Reform der Agrarverhältnisse Hegen, sie muß zum 
mindesten allos vormeiden, was ihr den Weg zu 'jenen 
Maßnahmen verrammelt. 

Die Paroio nun, die von den Bolschcwiki heraus- 
gegeben wurde: sofortige Besitzergreifung und Auf- 
teilung des Grund und Bodens durch die Bauern, mußte 
geradezu nach der entgegengesetzten Richtung wirken. 
Sie ist nicht nur keine sozialistische- Maßnahme, sondern 
sie schneidet den Weg zu einor solchen ab, sie türmt 
vor der Umgestaltung der Agrarverhältnisse im sozia- 
listischen Sinne unüberwindliche Schwierigkeiten auf. 



Die Besitzergreifung der Landereien änroh d» 
Bauern auf die kurze und lapidare Parole LeninB und 
seiner Freunde hin: Geht und nehmet euch, das Laad! 
führte einfach zur plötzlichen chaotischen Überführung 
des Großgrundbesitzes in bäuerlichen Grundbesitz. "Was 
geschaffen wurde, ist nicht gesellschaftliches Eigentum, 
sondern neues Privateigentum, und zwar Zerschlagung 
des großen Eigentums in mittleren und kleineren Besftc, 
des relativ fortgeschrittenen Großbetriebes in primitiven 
Kleinbetrieb, der technisch mit den Mftteln ans der 
Zeit der Pharaonen arbeitet Nicht genug: durch diese 
Maßnahme und die chaotische, rein willkürliche Alt 
ihrer Ausführung wurden die EigenteLmsuntersohfede 
auf dem Lande nicht beseitigt, sondern nur verschärft. 
Obwohl die Bolschewiki die Bauernschaft aufforderten, 
Bauerncomites zu bilden, um die Besitzergreifung der 
adeligen Landereien irgendwie zu einer Kollektivaktion 
zu machen, so ist es klar, daß dieser allgemeine Bat 
an der wirklichen Praxis und den wirklichen Macht- 
verhältnissen auf dem Lande nichts zu ändern vermochte. 
Ob mit oder ohne Comites, sind die reichen Bauern 
und Wucherer, welche die Dorfbourgeoisie bilden nnd 
in jedem rassischen Dorf die tatsächliche lokale Macht 
in ihren Händen haben, sicher die Hauptnutznießer der 
Agrarrevolution geworden. Unbesehen kann jeder sich 
an den Fingern abzählen, daß im Ergebnis der Auf- 
teilung des Landes die soziale und wirtschaftliche Un- 
gleichheit im Schöße des Bauerntums nicht beseitigt, 
sondern nur gesteigert, die Klassengegensätze dort ver- 

85 



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schürft worden sind. Diese Macht Verschiebung hat aher 
zu Ungunsten der proletarischen und sozialistischen 
Interessen stattgefunden. Frtlher stand einer sozia- 
listischen Beforni auf dem Lande allenfalls der Wider- 
stand einer kleinen Kaste adeliger und kapitalistischer 
Großgrundbesitzer sowie eine kleine Minderheit der 
reichen Dorfbourgeoisie entgegen, deren Expropriation 
durch eine revolutionäre Volksuiassc ein Kinderspiel ist 
Jetzt, nach der „Besitzergreifung" steht als Feind jeder 
sozialistischen Vergesellschaftung derLand Wirtschaft eine 
enorm angewachsene und starke Masse des besitzenden 
Bauerntums entgegen, das sein neuerworbenes Eigentum 
gegen alle sozialistischen Attentate mit Zähnen und mit 
Nägeln verteidigen wird. Jetzt ist die Frage der 
künftigen Sozialisierung der Landwirtschaft, also der 
Produktion überhaupt in Eußlünrt, zur Gegensatz- und 
Kampf frage zwischen dem städtischen Proletariat und 
der Bauernmasso geworden. Wie scharf der Gegensatz 
schon jetzt geworden ist, beweist der Boykott der 
Beiern den Hilter, gegenüber, denen sie die Lebens- 
mittel vorenthalten, um damit "Wuchergeschäfte zu 
machen, genau wie die preußischen Junker. Der fran- 
zösische Parzellenbauer war zum tapfersten Verteidiger 
der großen franzCsischen Revolution geworden, die ihn 
mit dem konfiszierten Land der Emigranten ausgestattet 
hatte. Er trug als napoleonischer Soldat die Ful..a 
Frankreichs zum Siege, durchquerte ganz Europa und 
zertrümmerte den Feudalismus in einem Lande nach 
dem anderen. Lenin und seine Freunde mochten eine 



ähnliche "Wirkung von ihrer Agrarpärole erwartet haben. 
Indes der russische Bauer hat, nachdem er vom Lande 
ani eigene Faust Besitz ergriffen, nicht im Traume 
daran gedacht, Kußland und die Revolution, der er das 
Land verdankte, zu verteidigen. Er verbiß sich in 
seinen neuen Besitz und überließ die Revolution ihren 
Feinden, den S'aat dem Zerfall, die städtische Be- 
völkerung dem Hunger. 

Die Leninsche Agrarreform hat dem Sozialismus 
auf dem Lande eine neue mächtige Volksschicht von 
Feinden geschaffen, deren "Widerstand viel gefährlicher 
und zäher sein wd als es derjenige der adeligen 
Großgrundbesitzer war. 

Daß .sich die militärische Nicderlago in don 
Zusammenbruch und Zerfall Rußlands verwandelte, da- 
für haben die Bolschewiki einen Teil der Schuld. Diese 
objektiven Schwierigkeiten der Lage laben sich die 
Bolschewiki aber selbst in hohem Maße verschärft 
durch eine Parole, die sie in den Vordergrund ihrer 
Politik geschoben haben: das sogenannte Selbst- 
bestimmungsrc cht der Nationen oder was unter dieser 
Phrase in Wirklichkeit steckte: den staatlichen Zerfall 
Rußlands. Die mit doktrinärer Hartnäckigkeit immer 
wieder proklamierte Formel von dem Eecht der ver- 
schiedenen Nationalitaten des Russischen Reichs, ihre 
Schicksale selbst&ndig zu bestimmen „bis einschließlich 
der staatlichen Lostrenirang von Rußland", war ein 
besonderer Schlachtruf Lenins und Genossen während 
ihrer Opposition gegen den MiijukowBcnen wie gegen 



den Kerenskischen Imperialismus, sie bildete die Achse 
ihrer inneren Politik nach dem Oktoberumsehwung und 
sie bildete die ganze Plattform der Bolschewik! in 
Brest-Litowsk, ihre einzige Waffe, die sie der Macht- 
stellung des deutschen Imperialismus entgegenzustellen 
hatten. 

Zunächst frappiert an der Hartnäckigkeit und 
starren Konsequenz, mit der Lenin und Genossen an 
dieser Parole festhielten, daß sie sowohl in krassem 
Widerspruch zu ihrem sonstigen ausgesprochenen 
Zentralismus der Politik wie auch zu der Haltung steht, 
die sie den sonstigen demokratischen Grundsätzen gegen- 
über eingenommen haben. Während sie gegenüber der 
konstituierenden Versammlung, dem allgemeinen Wahl- 
recht, der Preß- und Versammlungsfreiheit, kurz den 
ganzen Apparat der demokratischen Grund freiheiten 
der Volksmassen, die alle zusammen das „Selbst- 
bestim mungsrecht" in Rußland selbst bildeten, eine 
sehr kühle Geringschätzung an den Tag legten, be- 
handelten sie das Selbstbestimmungsrecht der Nationen 
als ein Kleinod der demokratischen Politik, dem zuliehe 
alle praktischen Gesichtspunkte der realen Kritik zu 
Kihv.-fci^eii hi-ülen. Während sie sich von der Volks- 
abstimmung zur konstituierenden Versammlung in 
liußland, einer Volksabstimmung auf Grund des demo- 
kratischsten Wahlrecht* der Welt und in voller Freiheit 
r i ucr Vol Irsropuhlik, nicht im geringsten hatten imponieren 
liisson und vor sehr nüchternen, kritischen Erwägungen 
■i.,re Resultate einfach für null und nichtig erklärten, 



verföchten sie ia Brest die „Volksabstimmung" der 
fremden' Nationen Rußlands über ihre staatliche Zu- 
gehörigkeit als das wahre Palladium jeglicher Freiheit 
und Domoltnitio, unverfälschte- Quintessenzen dos 
Völkerwillens und als die höchste entscheidende Instana 
in Fragen des politischen Schicksals dor Nationen. 

Der Widerspruch, der hier klafft, ist umso un- 
verständlicher, als es sich bei den demokratischen 
Formon des polit-isyhon Lehens in jedem Lande, wie 
wir das noch weiter sehen werden, tatsächlich um 
höchst wertvolle, ja unentbehrliche Grundlagen der 
sozialistischen Politik handelt, während das famose 
„Sfilbstbestimmungsrecht der Nationen" nichts nls hohle 
kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug ist. 

In der Tat, was soll dieses Hecht bedeuten? Es 
gehfirt zum ABC der sozialistischen Politik, daß sie wie 
jede Art Unterdrückung so auch die einer Nation durch 
die andere bekämpft. 

Wenn trotzalledcm sonst so nüchterne und kritische . 
Politiker wie Lenin und Trotzki mit ihren Freunden, 
die für jede Art utopische Phraseologie wie Abrüstung, 
Völkerbund usw. nur ein Ironisches Achselzucken haben, 
diesinnl eine hohle Phrase von genau derselben Kategorie 
geradezu zu ihrem Steckenpferd machten, so geschah 
ea, wie es uns seheint, aus einer Art Opportunitäts- 
politik. Lenin und Genossen rechneten offenbar darauf, 
daß es kein siclioreres Mittel gäbe, die vielen fremden 
Nationalitäten im Schöße des russischen Reiches an 

89 



die Sache der Revolution, an die Sache des sozialistischen 
Proletariats zu fessele, als wenn man ihnen im Namen 
der Revolution und des Sozialismus die äußerste un- 
beschränkteste Freiheit gewährte, über ihre Schicksale 
zu verfugen. Es war dies eine Analogie zu der Politik 
der Bolschewiki den russischen Bauern gegenüber, 
deren Landhunger die Parole der direkten Besitz- 
ergreifung des adeligen Grund und Bodens befriedigt 
und die dadurch an die Fahne der Revolution und der 
proletarischen Regierung gefesselt werden sollten. In 
beiden Fällen ist die Berechnung leider gänzlich fehl- 
geschlagen. Während Lenin und Genossen offenbar 
erwarteten, daß sie als Verfechter der nationalen Frei- 
heit, und zwar „bis zur staatlichen Absonderung", 
Finnland, die Ukraine, Polen, Litauen, die Balkanländer, 
die Kaukasier usw. zu ebenso vielen treuen Verbün- 
deten der nissischen Revolution machen würden, er- 
lebten wir das umgekehrte Schauspiel: eine nach der 
anderen von diesen „Nationen" benutzte die frisch ge- 
schenkte Freiheit dazu, sich als Todfeindin der russi- 
schen Revolution gegen sie mit dem deutschen 
— Imperalismus zu verbünden und unter seinem Schutze 
die Fahne der Konterrevolution nach Rußland selbst 
zu tragen. Das Zwischenspiel mit der Ukraine in Brest, 
das eine entscheidende Wendung jener Verhandlungen 
und der ganzen inner- und außerpolitischen Situationen 
der Bolschewiki herbeigeführt hatte, ist dafür ein 
Musterbeispiel, Das Verhalten Finnlands, Polens, 
Litauens, der Baltenliinder, der Nationen des Kaukasus 

90 



zeigt überzeugendster Weise, daß -wir hier nicht etwa 
mit eiaer zufälligen Ausnahme, sondern mit einer 
typischen Erscheinung zu tun haben. 

Freilich, es Bind in allen diesen Fällen in ■Wirk- 
lichkeit nicht die „Nationen", die jene reaktionäre 
Politik betätigten, sondern nur die bürgerlichen und 
kleinbürgerlichen Klassen, die im schärfsten Gegensatz 
au den eigenen proletarischen Massen das „nationale 
Selbstbestaramungsrecht" zu einem Werkzeug ihrer 
konterrevolutionären Klassenpolitik verkehrten. Aber 
— damit kommen wir gerade zum Knotenpunkt der 
Frage — darin liegt eben der utopisch-kleinbUrgerliche 
Charakter dieser nationalistischen Phrase, daß sie in 
der rauhen Wirklichkeit der Klassengesellschaft, zumal 
in der Zeit aufs äußerste verschärfter Gegensätze, sich 
einfach in ein Mittel der bürgerlichen Klassenherrschaft 
verwandelt. Die Bolschewik! sollten zu ihrem und der 
Revolution größten Schaden darüber belehrt werden, 
daß es eben unter der Herrschaft des Kapitalismus 
keine Selbstbestimmung der Nation gibt, daß sich in 
einer Klassengesellschaft jede Klasse der Nation anders 
„selbstzubesthnmen" strebt und daß für die bürger- 
lichen Klassen die Gesichtspunkte der nationalen Frei- 
heit hinter denen der Klassenherrschaft völlig zurück- 
treten. Das finnische Bürgertum wie das ukrainische 
Kleinbürgertum waren darin vollkommen einig, die 
deutsche Gewaltherrschaft der nalionalen Freiheit vorzu- 
ziehen, wenn diese mit den Gefahren des „Bolsche- 
wismus" verbunden werden sollte. 

91 4- 



Die Hoffnung, diese realen KlaBsenverhilltnisse 
etwa durch „Volksabstimmungen", am die 'sich alles 
in Brest drehte, in ihr Gegenteil umzukehren und im 
Vertrauen auf die revolutionäre Volksmasse einMehrheits- 
votum für den Zusammenschluß mit der russischen 
Revolution zu erzielen, war, wenn sie von Lenin- 
Trotzkl ernst gemeint war, ein unbegreiflicher Optimis- 
mus, und wenn sie nur ein taktischer Florettstoß im 
Duell mit der deutschen Gewaltpolitik sein sollte, ein 
gefährliches Spiel mit dem Feuer. Auch ohne die 
deutsche militärische Okkupation hätte die famose 
„Volksabstimmung", wäre es in den Eandländern zu 
einer solchen gekommen, bei der geistigen Verfassung 
der Bauernmaese und großer Sohich'ten noch indiffe- 
renter Proletarier, bei der reaktionären Tendenz des 
Kleinbürgertums und den tausend Mitteln der Be- 
einflussung der Abstimmung durch die Bourgeoisie, 
mit aller Wahrscheinlichkeit allenthalben ein Resultat 
ergeben, an dem die Bolschewik! wenig Freude erlebt 
hatten. Kann es doch in Sachen dieser Volks- 
abstimmungen über die nationale Frage als unverbrüch- 
liche Regel gelten, daß die herrschenden Klassen sie 
entweder, wo ihnen eine solche nicht in den - Kram 
paßt, zu verhindern wissen oder, wo sie etwa zustande 
käme, ihre Resultate durch all die Mittel und Mittel- 
chen zu beeinflussen wüßten, die es auch bewirken, 
daß wir auf dem Wege von Volksabstimmungen keinen 
Sozialismus einfuhren können. 



92 



Daß überhaupt die Frage der nationalen Be- 
strebungen und Sondertendenzen mitten in die revo- 
lutionären Kämpfe hineingeworfen, ja, durch den 
Brester Frieden in den Vorgrund geschoben und gar 
zum Schibboleth der sozialistischen und revolutionären 
Politik gestempelt wurde, hat die größte Verwirrung 
' in die Beiben des Sozialismus getragen und die Position 
des Proletariats gerade in den RandLändern erschüttert. 
In Finnland hatte das sozialistische Proletariat, solange 
es als ein Teil der geschlossenen revolutionären Phalanx 
Rußlands kämpfte, bereits eine beherrschende Macht- 
stellung; es besaß die Mehrheit im Landtag, in der 
Armee, es hatte die Bourgeoisie völlig zur Ohnmacht 
herabgedrückt, und war der Herr der Situation im 
Lande. Die russische Ukraine war zu Beginn des 
Jahrhunderts, als die Narreteien des „ukrainischen 
Nationalismus" mit den Karbowentzen und den „Uni- 
versals" und das Steckenpferd Lenins von einer „selb- 
ständigen Ukraine" noch nicht erfunden waren, die 
Hochburg dar russischen revolutionären Bewegung ge- 
wesen. Von dort aus, aus Rostow, . aus Odessa, aus 
dem Donez-Gebiete flössen die ersten Lavaströme der 
Bevolution (schon um das Jahr 1902-04) und ent- 
zündeten ganz Südrußland zu einem Flammenmeer, so 
den' Ausbruch von 1905 vorbereitend; dasselbe wieder- 
holte sich in der jetzigen Revolution, in der das süd- 
russische Proletariat die Elitetruppen der proletarischen 
Phalanx stellte. Polen und die Baltenländer waren seit 
1905 die mächtigsten und zuverlässigsten Herde der 



93 



Revolution, in denen das sozialistische Proletariat eine 
hervorragende Rolle spielte. 

Wie kommt es, daß in allen diesen Landern 
plötzlich die Konterrevolution triumphiert? Die nationa- 
listische Bewegung hat eben das Proletariat dadurch, 
daß sie es von Bußland losgerissen hat, gelähmt und 
der nationalen Bourgeoisie in den Randländern aus- 
geliefert Statt gerade im Geiste der neuen inter- 
nationalen Klassenpolitik, die sie sonst vertraten, die 
kompakteste Zusammenfassung der revolutionären Kräfte 
auf dem ganzen Gebiete des Reiches anzustreben, die 
Integrität des russischen Reiches als Revolutionsgebiet 
mit Zähnen und Nägeln 711 verteidigen, die Zusammen- 
gehörigkeit und TJnzertrennlicbkeit der Proletarier aller 
Nationen im Bereiche der russischen Revolution als 
oberstes Gebot der Politik allen nationalistischen Sonder- 
beBtrebungen entgegenzustellen, haben die Bolschewiki 
durch die dröhnende nationalistische Phraseologie von 
dem „Selbstbestimmungsrecht bis zur staatlichen Los- 
trenming" gerade umgekehrt der Bourgeoisie in allen 
Randländern den erwünschtesten, glänzendsten Vor- 
■wand, geradezu das Banner für ihre konterrevolutionären 
Bestrebungen geliefert. Statt die Proletarier in den 
Randländern vor jeglichem Separatismus als vor rein 
bürgerlichem Fallstrick zu ■warnen, haben sie vielmehr 
die Massen in allen Randländern durch ihre Parole 
verwirrt und der Demagogie der bürgerlichen Klassen 
ausgeliefert Sie haben durch diese Forderung des 
Nationalismus den Zerfall Rußlands seihst herbeigeführt, 



vorhercitet und so den eigenen Feindon das Xesser 
in die Hand gedruckt, das sie der russischen Eevo- 
lution in Herz stoßen "sollten. 

Freilich, ohne die Hilfe des deutschon Imperialis- 
mus, ohne „die deutschen Gewehrkolben in deutschen 
Fäusten", wie die „Neue Zeit" Kaulskys schrieb, wären 
die Lubinskys und die anderen Schufterles der Ukraine 
sowie die Eriobs und MannerheimB in Finnland und 
die baltischen Barone mit den sozialistischen Prole- 
tariermassen ihrer Länder nimmermehr fertig geworden. 
Aber dar nationale Separatismus war das trojanische 
Pferd, in dem die deutsehen „Genossen" mit Bajonetten 
in den Fäusten in all jene Länder eingezogen kamen. 
Die realen Klassengegensätze und die militärischen 
Machtverhältnisse haben die Intervention Deutschlands 
herbeigeführt. Aber die Bolscliewiki haben die Ide- 
ologie [.-elinVt, iiie diosen l'YHzug der Konterrevolution 
yniv^iert hatte, sie haben die Position der Bourgeoisie 
gestärkt und die der Proletarier geschwächt. Der 
beste Beweis ist die Ukraine, die eine so fatale Rolle 
in den Geschicken der russischen Revolution spielen 
sollte. Der ukrainische Nationalismus war in Rußland 
ganz anders als etwa der tschechische, polnische oder 
finnische, nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzke- 
rei von ein paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelli- 
genzlern, ohne die geringsten Wurzein in den wirt- 
schaftlichen,' politischen oder geistigen Verhältnissen 
des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die 
Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet 



95 



hatte, ohne irgendeine nationale Kultur, außer der 
reaktionär-romantischer Gedichte, und war nicht im- 
stande, ein politisches Gebilde zu werden ohne das 
Taufgeschenk des „Selbstbestimmungsrechts der Völker". 

Diese Phrasen haben in der Geschichte der 
Klassenkämpfe zu Zeiten eine sehr reale Bedeutung. 
Bs ist das fatale Los des Sozialismus, daß er in diesem 
"Weltkrieg dazu ausersehen war, ideologische Vorwände 
für die konterrevolutionäre Politik zu liefern. Die 
deutsche Sozialdemokratie beeilte sich beim Ausbruch 
des Krieges, den Raubzug des deutschen Imperialismus 
mit einem ideologischen Schild aus der Rumpelkammer 
des Marsismus zu schmücken, indem sie ihn für den 
von unseren Altmeistern herbeigesehnten Befreier- 
feldzug gegen den russischen Zarismus erklärte. Den 
Antipoden der Regierungssozialisten, den Bolschewik!, 
war es beschieden, mit der Phrase von der Selbst- 
bestimmung der Nationen Wasser auf die Mühle der 
Konterrevolution zu liefern und damit eine Ideologie 
nicht nur für die Erdrosselung der russischen Revo- 
lutionselbst, sondern für die geplante konterrevolutionäre 
Liquidierung dos ganzen Weltkrieges zu liefern. Wir 
haben allen Grund, uns die Politik der Bolschewik! 
in dieser Hin siebt sehr gründlich anzusehen. Das 
„Selbstbestimmungsrecht der Nationen", verkoppelt mit 
dem Völkerbund und der Abrüstung von Wilsons 
Gnaden, bildet den Schlachtruf, unter dem sich die 
bevorstehende Auseinandersetzung des internationalen 
Sozialismus mit der bürgerlichen Welt abspielen wird. 

96 



Es Hegt klar zu Tage, daß die Phrase von der Selbst- 
bestimmung und die ganze nationale Bewegung, die 
gegenwärtig die größte Gefahr für den internationalen 
Sozialismus bildet, gerade durch die russische Revo- 
lution und die Brester Verhandlungen eine außer- 
ordentliche Stärkung erfahren haben. Wir werden uns 
mit dieser Plattform noch eingehend zu befassen haben. 
Die tragischen Schicksale dieser Phraseologie in der 
russischen Revolution, in deren Stacheln sioh die 
Bolaohewiki verfangen und blutig ritzen sollten, muß 
dem internationalen Proletariat als warnendes Exeinpel 
dienen. 



Nun folgte aus alledem die Diktatur Deutschlands. 
Vom Brester Frieden bis zum „Zusatzvertrag'*! Die 
200 Silhneopfer in Moskau. Aus dieser Lage ergab 
sich der Terror und die Erdrttckung der Demokratie. 

IV. 

Wir wollen dies an einigen Beispielen näher 
prüfen. 

Eine hervorragende Rolle in der Politik der 
Bolsohewiki spielte die bekannte Auflösung der kon- 
stituierenden Versammlung im November 1917. Diese 
Maßnahme war bestimmend für ihre weitere Position, 
sie war gewissermaßen der Wendepunkt ihrer Taktik. 
Es ist eine Tatsache, daß Lenin und Genossen bis zu 
ihrem Oktoborsiege die Einberufung der Konstitutions- 
Versanunlung stürmisch forderten, daß gerade die Ver- 



97 



schleppungspoütik der Kerenski-Eegierong in dieser 
Sache einen der Anklagepunkte der Bolsehewiki gegen 
jene ßegierung bildete und ihnen zu heftigsten Aus- 
fällen Anlaß gab. Ja, Trotzki sagt in seinem inter- 
essanten Schriftchen „Von der Oktoberrevolution bis 
zum Brester Friedensvertrag", der Oktoberumschwung 
sei geradezu „eine Rettung für die Konstituante" ge- 
wesen, wie für die Revolution Überhaupt. „Und als 
wir sagten," fährt er fort, „daß der Eingang zur kon- 
stituierenden Versammlung nicht über das Vorparlament 
Zeretellis, sondern über die Machtergreifung der Sowjets 
führe, waren wir vollkommen aufrichtig." 

Und nun war nach diesen Ankündigungen der 
erste Schritt Lenins nach der Oktoberrevolution — die 
Aue ein andertreib ung derselben konstituierenden Ver- 
sammlung, zu der sie den Eingang bilden Bollte. 
Welche Gründe konnten für eine so verblüffende 
Wendung maßgebend sein? Trotzki äußert sich darüber 
in der erwähnten Schrift ausführlich und wir wollen 
seine Argumente hierher setzen: 

„Wenn die Monate, die der Oktoberrevolution 
vorangingen, eine Zeit der Linksversc hiebung der 
Massen und des elementaren Zustroms der Arbeiter, 
Soldaten und Bauern zu- den Bolschewiki waren, so 
drückte sich innerhalb der Partei der Sozialisten- 
Revolutionäre dieser Prozeß in der Verstärkung des 
linken Flügels auf Kosten des rechten aus. Aber 
immer noch dominierten in den Parteilisten der 



Sozialisten-Revolutionare zu drei Vierteln die alten 
Namen des rechten Flügels . , . 

Dazu kam noch der Umstand, daß die "Wahlen 
selbst im Laufe der ersten Wochen nach dem Oktober- 
umsturz stattfanden. Die Nachricht von der Ver- 
änderung, die stattgefunden habe, verbreitete sieh ver- 
hältnismäßig langsam, in konzentrischen Kreisen, von 
der Hauptstadt nach der Provinz und aus den 
Städten nach den Dörfern. Die Bauernmassen waren 
sich an vielen Orten recht wenig klar Uber das, was 
in Petrograd und Moskau vorging. Sie stimmten für 
„Land und Freiheit" und stimmten filr ihre Vertreter 
in den Landkomitees, die meistens unter dem Banner 
der „Narodniki" standen. Damit aber stimmten sie 
für Kerenski und Awxentjew, die dieses Landkomitee 
auflösten und deren Mitglieder verhaften ließen .... 
Dieser Sachverhalt ergibt eine klare Vorstellung, in 
welchem Maße die Konstituante hinter der Ent- 
wicklung des politischen Kampfes und den Partei- 
gruppierungen zurückgeblieben war." 

Das alles ist ganz ausgezeichnet und sehr Uber- 
zeugend. Nur muß man sich wundern, daß so kluge 
Leute wie Lenin und Trotzki nicht auf die nächst" 
liegende Schlußfolgerung geraten sind, wie sieh aus 
den obigen Tatsachen ergab. Da die konstituierende 
Versammlung lange vor dem entscheidenden Wende- 
punkt, dem Oktoberumschwung, gewählt und in ihrer 
Zusammensetzung das Bild der Uberholten Vergangen- 
heit, nicht der neuen Sachlage spiegelte, so ergab sich 

99 



von selbst der Schluß, daß sie eben die verjährte, also 
totgeborene konstituierende Versammlung, kassierten 
und ungesäumt Neuwahlen zu einer neuen Konstituante 
ausschrieben! Sie wollten und durften die Geschichte 
der Revolution nicht einer Versammlung anvertrauen, 
die das gestrige Kerenskische Rußland, die Periode 
der Schwankungen und der Koalition mit der Bourgeoisie 
spiegelte. Wohlan, es blieb nur übrig, sofort an ihre 
Stelle eine aus dem erneuerten, weitergegangenen Ruß- 
land hervorgegangene Versammlung einzuberufen. 

Statt dessen schließt Trotzki aus der speziellen 
Unzulänglichkeit der im Oktober zusammengetretenen 
konstituierenden Versammlung auf die Ueberflttssigkelt 
jeder konstituierenden Versammlung, ja, er ver- 
allgemeinert sie zu der Untauglichkeit jeder aus den 
allgemeinen Volkswahlen hervorgangenen Volksver- 
tretung während der Revolution überhaupt. 

„Dank dem offenen und unmittelbaren Kampf 
um üio Rcgict'Uü^agowuk Linien die arbeitende» Massen 
in kürzester Zeit eine llcnge politischer Erfahrung an 
und steigen in ihrer Entwicklung schnell von einer 
Stufe auf die andere. Der schwerfällige Mechanismus 
der demokratischen Institutionen kommt dieser Ent- 
wicklung umso weniger nach, je größer das Land und 
je unvollkommener sein technischer Apparat ist" 
(Trotzki S. 93). 

Hier haben wir schon den „Mechanismus der 
deine kritischen Institution überhaupt". Demgegenüber 



H>0 



äst zunächst hervorzuheben, daß in dieser Einschätzung 
der VertretungsinBtitutionen eine etwas schematische, 
steife Auffassung zum Ausdruck kommt, der die histo- 
rische Erfahrung gerade aller revolutionären Epochen 
nachdrücklich widerspricht Nach Trotzkis Theorie 
■widerspiegelt jede gewählte Versammlung ein für alle- 
mal nur die geistige Verfassung, politische Reife und 
Stimmung ihrer Wählerschaft just in dem Moment, wo 
sie zur Wahlurne schritt. Die demokratische Körper- 
schaft ist demnach stets das Spiegelbild der Masse 
vom Wahltermin, gleichsam wie der Herschelsche 
Sternhimmel uns stets die Weltkörper nicht wie sie 
sind zeigt, da wir auf sie blicken, sondern wie sie im 
Moment der Versendung ihrer Lichtboten aus unermeß- 
licher Weite zur Erde waren. Jeder lebendige geistige 
Zusammenhang zwischen den einmal Gewählten und 
der Wählerschaft, jede dauernde Wechselwirkung 
zwischen beiden wird hier geleugnet. 

Wie sehr widerspricht dem alle geschichtliche 
Erfahrung! Diese zeigt uns umgekehrt, daß das 
lebendige Fluidum der Volksstimmung beständig die 
Vertretungskörperschaften umspült, in sie eindringt, 
sie lenkt Wie wäre es sonst möglich, daß wir in 
jedem bürgerlichen Parlament zu Zeiten die ergötz- 
lichsten Kapriolen der „Volksvertreter" erleben, die 
plötzlich von einem „neuen Geist" belebt, ganz un- 
erwartete Töne hervorbringen, daß die vertrocknetsten 
Mumien sich zu Zeiten jugendlich gebärden und die 
verschiedenen Seheidemännchen auf einmal in ihrer 

101 



Brust revolutionäre Töne finden, — -wenn es in den 
Fabriken, Werkstätten und auf den Straßen rumort? 

Und diese ständige lebendige Einwirkung der 
Stimmung und der politischen Reite der Massen au! 
die gewühlten Körperschaften sollte gerade in einer 
Revolution vor dem starren Schema der Parteisebilder 
und der Wahllisten versagen? Gerade umgekehrt! 
Gerade die Revolution schafft durch ihre Gluthitze 
jene dünne, vibrierende, empfängliche politische Luft, 
in der die Wellen der Tolks Stimmung, der Pulssehlag 
des Volkslebens augenblicklich in wunderbarster Weise 
auf die Vertretungskörperschaften einwirken. Gerade 
darauf beruhen ja immer die bekannten effektvollen 
Szenen aus dem Anfangs Stadium aller Revolutionen, 
wo alte reaktionäre oder höchst gemäßigte, unter altem. 
Regime aus beschränktem Wahlrecht gewählte Parla- 
mente plötzlich zu heroischen Wortführern des Um- 
sturzes, zu Stürmern und Drängern werden. Das 
klassische Beispiel bietet ja das berühmte „Lange 
Parlament" in England, das 1642 gewählt und zu- 
sammengetreten sieben Jahre lang auf dem Posten 
blieb und in seinem Innern alle Wechsel- Verschiebungen 
der Volksstimmung, der politischen Reife, der Klassen- 
spaltung, des Fortgangs der Revolution bis zu ihrem 
Höhepunkt, von der anfänglichen devoten Plänkelei 
mit der Krone unter einem auf den Knien liegenden 
„Sprecher" bis zur Abschaffung des Hauses der Lords, 
Hinrichtung Karls und Proklamierung der Republik 
widerspiegelt. 

102 



Und hat sich nicht dieselbe wunderbare Wand- 
lung in den Generalstaaten Frankreichs, im Zensur- 
parlament Louis Philipps, ja — das letzte frappanteste 
Beispiel liegt Trotzki so nahe — in der -vierten 
russischen Duma wiederholt, die im Jahre des Heils 
1909, unter der starrsten Herrschaft derKonterrevolution 
gewählt, im Februar 1917 plötzlich den Johannistrieb 
des Umsturzes verspürte und zum Ausgangspunkt der 
Revolution ward? 

Das alles zeigt, daß „der schwerfällige- Mechanis- 
mus der demokratischen Institutionen" einen kräftigen 
Korrektor hat — eben in der lebendigen Bewegung 
der Masse, in ihrem unausgesetzten Druck. Und je 
demokratischer die Institution, je lebendiger und kral- 
liger der Pulsschlag des politischen Lebens der Masse 
ist, umso unmittelbarer und genauer ist die Wirkung 
— trotz starrar Partei ächilder, veralteter Wahllisten etc. 
Gewiß, jede demokratische Institution hat ihre Schranken 
und Mängel, was sie wohl mit sämtlichen menschlichen 
Institutionen teilt Nur ist das Heilmittel, das Trotzki 
und Lenin gefunden: die Beseitigung der Demokratie 
überhaupt, noch schlimmer als das Uebel, dem es 
steuern soll: es verschüttet nämlicb den lebendigen 
Quell selbst, aus dem heraus alle angeborenen Unzu- 
länglichkeiten der sozialen Institutionen allein korrigiert 
werden können: das aktive, ungehemmte, energische 
politische Leben der breitesten Volksmassen. 

Nehmen wir ein anderes frappantes Beispiel: das 
von der Sowjetregienlng ausgearbeitete Wahlrecht. Es 



ist nicht ganz klar, weiche praktische Bedeutung diesem 
Wahlrecht beigemessen ist. Aus der Kritik Trotzkis 
und Lenins an den demokratischen Institutionen geht 
hervor, daß sie Volksvertretungen aus allgemeinen 
"Wahlen grundsätzlich ablehnen und sich nur auf die 
Sowjets stützen wollen. Weshalb dann überhaupt ein 
allgemeines Wahlrecht ausgearbeitet wurde, ist eigent- 
lich nicht ersichtlich. Es ist uns auch nicht bekannt, 
daß dieses Wahlrecht irgendwie ins Leben eingeführt 
worden wäre; von Wahlen zu einer Art Volksvertretung 
auf seiner Grundlage hat man nichts gehört. Wahr- 
scheinlicher ist die Annahme, daß es nur ein theo- 
retisches Produkt, sozusagen vom grünen Tisch aus 
gebliehen ist; aber so wie es ist, bildet es ein sehr 
merkwürdiges Produkt der bolschewistischen Diktatur- 
Theorie. Jedes Wahlrecht, wie überhaupt jedes politische 
Recht, ist nicht nach irgendwelchen abstrakten Schemen 
der „Gerechtigkeit" und ahnlicher, bürgerlich demo- 
kratischer Phraseologie zu messen, sondern an den 
sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, auf die es 
zugeschnitten ist. Das von der Sowjetregierung aus- 
gearbeitete Wahlrecht ist eben auf die Uebergangs- 
periode von der bürgerlieh- kapitalistischen zur sozia- 
listischen Gesellschaftsform berechnet, auf die Periode 
der proletarischen Diktatur. Im Sinne der Auslegung 
von dieser Diktatur, die Lenin-Trotzki vertreten, wird 
das Wahlrecht nur denjenigen verliehen, die von eigener 
Arbeit leben, und allen anderen verweigert. 

Nun ist es far, daß ein solches Wahlrecht nur 

104 



in einer Gesellschaft Sinn hat, die auch wirtschaftlich 
in der Lage ist, allen, die arbeiten wollen, ein aus- 
kömmliches, kulturwUrdiges Leben von eigener Arbeit 
zn ermöglichen. Trifft das auf das jetzige Eußland 
zu? Bei den ungeheuren Schwierigkeiten, mit denen 
das vom Weltmarkt abgesperrte, von seinen wichtigsten 
Rohstoffquellen abgeschnürte Sowjetrußland zn ringen 
hat, bei der allgemeinen, furchtbaren Zerrüttung des 
Wirtschaftslebens, bei dem schroffen Umsturz der 
Produktionsverhältnisse infolge der Umwälzungen der 
Eigentumswerte in der Landwirtschaft wie in der In- 
dustrie und im Handel, liegt es auf der Hand, daß 
ungezählte Existenzen ganz pietzlich entwurzelt, aus 
ihrer Bahn herausgeschleudert werden, ohne jede ob- 
jektive Möglichkeit, in dem wirtschaftlichen Mechanis- 
mus irgend eine Verwendung für ihre Arbeitskraft 
zu finden. Das bezieht sich nicht bloß auf die Kapi- 
talisten- und Grundbesitzerklasse, sondern auch auf 
die breite Schicht des kleinen Mittelstandes und auf 
die Arbeiterklasse selbst. Ist es doch Tatsache, daß 
das Zusammenschrumpfen der Industrie ein massen- 
haftes Abfluten des städtischen Proletariats aufs platte 
Land hervorgerufen hat, das in der Landwirtschaft 
Unterkunft sucht. Unter solchen Umständen ist ein 
politisches Wahlrecht, das den allgemeinen Arbeits- 
zwang zur wirtschaftlichen Voraussetzung hat, eine 
ganz unbegreifliche Maßregel. Der Tendenz nach soll 
es die Ausbeuter allein politisch rechttos machen. Und 
während produktive Arbeitskräfte massenhaft entwurzelt 



105 



werden, sieht sich die S owjef regierang umgekehrt viel- 
fach gezwungen, die nationale Industrie den früheren 
kapitalistischen Eigentümern sozusagen in Pacht zu 
überlassen. Desgleichen sah sich die Sowjetregierung 
gezwungen, auch mit den bürgerlichen Konsumgenossen- 
schaften ein Kompromiß zu schließen. Femer hat 
sich die Benutzung von bürgerlichen Fachleuten als un- 
umgänglich erwiesen. Eine andere Folge derselben Er- 
scheinung ist, daß wachsende Schichten des Proletariats 
als Botgardisten etc. vom Staate aus öffentlichen Mitteln 
erhalten werden. In Wirklichkeit machtes rechtlos breite 
und wachsende Schichten des Kleinbürgertums und des 
Proletariats, für die der wirtschaftliche Organismus 
keinerlei Mittel zur Ausübung des Arbeitszwanges 
vorsieht. 

Das ist eine Ungereimtheit, die das Wahlrecht 
als ein utopisches, von der sozialen Wirklichkeit los- 
gelöstes Phantasieprodukt qualifiziert. Und gerade 
deshalb ist es kein ernsthaftes Werkzeug der prole- 
tarischen Diktatur. Ein Anachronismus, eine Vorweg- 
nähme der rechtlichen Lage, die auf einer schon fertigen 
sozialistischen Wirtschaftsbasis am Platze ist, nicht in 
der Uebergangsperiode der proletarischen Diktatur. 

Als der ganze Mittelstand, die bürgerliche und 
kleinbürgerliche Intelligenz nach der Oktoberrevolution 
die Sowjetregierung monatelange boykottierten, den 
Eisenbahn-, Post- und Telegraphen verkehr, den Schul- 
betrieb, den Verwaltungsapparat lahmlegten und sich 
auf diese Weise gegen die Arbeiterregierung auflehnten, 



106 



da waren selbstverständlich alle Maßregeln des Druckes 
gegen sie: durch Entziehung politischer Hechte, wirt- 
schaftlicher Existenzmittel etc. geboten, um den Wider- 
stand mit eiserner Faust zu brechen. Da kam eben 
die sozialistische Diktatur zum Ausdruck, die vor 
keinem Machtaufgebot zurückschrecken darf, um be- 
stimmte Maßnahmen im Interesse des Ganzen zu er- 
zwingen oder zu verhindern. Hingegen ein Wahlrecht, 
das eine allgemeine Entrechtung ganz breiter Schichten 
der Gesellschaft ausspricht, das sie politisch außer- 
halb des Rahmens der Gesellschaft stellt, während es 
für sie wirtschaftlich innerhalb ihres Rahmens selbst 
keinen Flatz zu schaffen imstande ist, eine Entrechtung 
nicht als konkrete Maßnahme zu einem konkreten Zweck 
sondern als allgemeine Regel von dauernder Wirkung, 
das ist nicht eine Notwendigkeit der Diktatur, sondern 
eine lebensunfähige Improvisation. Sowohl Sowjets 
als Rückgrat wie Konstituante und allgemeines 
Wahlrecht. 

Doch mit der konstituierenden Versammlung und 
dem Wahlrecht ist die Frage nicht erschöpft: es kam 
nicht die Abschaffung der wichtigsten demokratischen 
Garantien eines gesunden öffentlichen Lebens und der 
politischen Aktivität der arbeitenden Massen in Betracht: 
der Preßfreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, 
die für alle Gegner der Sowjetregierung vogelfrei ge- 
worden sind. Für diese Eingriffe reicht die obige 
Argumentation Trotzkis Uber die Schwerfälligkeit der 
demokratischen Wahlkorper nicht entlernt aus. Hingegen 



107 



ist es eine .offenkundige unbestreitbare Tatsache, daß 
ohne freie ungehemmte Presse, ohne ungehindertes 
Vereins- und Versaro mlungsleben gerade die .Herr- 
schaft breiter Volksmusiken völlig undenkbar ist. 

Lenin sagt: der bürgerliche Staat sei ein Werk- 
zeug zur Unterdrückung der Arbeiterklasse, der so- 
zialistische zur Unterdrückung der Bourgeoisie. Bs 
sei bloß gewissermaßen der auf den Kopf gestellte 
kapitalistische Staat. Diese vereinfachte Auffassung 
sieht von dem AVusentlächsteu ab: die bürgerliche 
Klassenherrschaft brauchte keine politische Schulung 
und Erziehung der . ganzen Volksmasse, wenigstens 
nicht über gewisse en^zo^ne Grenzen hinaus. Für 
die proletarische Diktatur ist sie das Lebenselement, 
die Luft, ohne die sie nicht zu existieren vermag. 

..Dank dem oifenen und unmittelbaren Kampf um 
die Regierungsgewalt häufen die arbeitenden Massen in 
kürzester Zeit eine .Menge politischer Erfahrung an 
und steigen in ihrer Entwicklung schnell von Stufe 
zu Stufe." .... 

Hier widerlegt Trotzki sich selbst und seine 
eigenen Parteifreunde. Eben weil dies zutrifft, haben 
sie durch Erdrllekung des öffentlichen Lebens die Quelle 
der politischen Erfahrung und das Steigen der Ent- 
wicklung verstopft. Oder aber mußte man annehmen, 
daß Erfahrung und Entwicklung bis zur Machtergreifung 
der Bolschewiki nötig war, den höchsten Grad erreicht 
hatte und von nun än überflüssig wurde., (Rede Lenins: 
Rußland ist überreif für den Sozialismus!!!) 



In "Wirklichkeit umgekehrt! Gerade die riesigen 
Aufgaben, an die die Bolschewiki mit Mut und Ent- 
schlossenheit herantraten, erforderten die intensivste 
politische Schulung der Kassen und Sammlung der 
Erfahrung, die ohne politische Freiheit nie möglich ist 

Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, 
nur für Mitglieder einer Partei — mögen sie noch so 
zahlreich sein — ist keine Freiheit. Freiheit ist immer 
Freiheit des anders Denkenden. Nicht wegen des 
Fanatismus der „Gerechtigkeit", sondern weil all das 
Belehrende, Heilsame und Reinigende der politischen 
Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung 
versagt, wenn die „Freiheit" zum Privilegium wird. 

Die stillschweigende Voraussetzung der Diktatur- 
Theorie im Lenin-Trotzkiechen Sinn ist, daß die so» 
zialistische Umwälzung eine Sache sei, für die ein 
fertiges Rezept in dor Tasche der Revolutionspartei 
liege, dies dann nur mit Energie verwirklicht zn werden 
brauche. Dem ist leider — oder je nach dem: zum 
Glück — nicht so. Weit entfernt, eine Summe fertiger 
Torschriften zu sein, die man nur anzuwenden hätte, 
ist die praktische Verwirklichung des Sozialismus als 
eineB wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Systems, 
eine Sache, die völlig im Nebel der Zukunft liegt. 
Was wir in unserem Programm besitzen, sind nur 
wenige große Wegweiser, die die Richtung anzeigen, 
in der die Maßnahmen gesucht werden müssen, dazu 
vorwiegend negativen Charakters. Wir wissen so un- 
gefähr, was wir zu allererst zu beseitigen haben, um 

109 



dar sosiiffistiseließ Wirtschaft die Bahn frei vi machen, 
welcher Art hingegen die tausend konkreten praktischen 
großen und kleinen Maßnahmen Bind, um die soaia- 
listischen Grundsätze in die Wirtschaft, in das Recht, 
in alle gesellschaftlichen Beziehungen einzuführen, 
darüber gibt kein sozialistisches Parteiprogramm und 
kein sozialistisches Löhrbach Aufschluß. Das ist kein 
Mangel, sondern gerade der Vorzug des wissenschaft- 
lichen Sozialismus vor dem utopischen: das sozia- 
listische Gesellschaftssystem soll uud kann nur ein 
geschichtliches Produkt sein, geboren aus der eigenen 
Schule der Erfahrung, in der Stunde der Erfüllung, 
aus dem Werden der lebendigen Geschichte, die genau 
wie die organische Natur, deren Teil sie letzten Endes 
ist, die schöne Gepflogenheit hat, zusammen mit einem 
wirklichen gesellschaftlichen Bedürfnis stets auoh die 
Mittel zu seiner Befriedigung, mit der Aufgabe zugleich 
die Lösung hervorzubringen. Ist dem aber so, dann 
ist es klar, dao der Sozialismus sich seiner Natur nach 
nicht oktroyieren laßt, durch Ukase einführen. Er hat 
zur Voraussetzung eine Reihe Gewaltmaßnahmen — 
gegen Eigentum usw. Das Negative, den Abbau, kann 
man dekretieren, den Aufbau, das Positive, nicht 
Neuland. Tausend Probleme. Nur Erfahrung ist im- 
stande, zu korrigieren und neue Wege eu eröffnen. 
Nur ungehemmt schäumendes Leben verfallt auf tausend 
neue Formen, Improvisationen, erhält schöpferische 
Kraft, korrigiert selbst alle Fehlgriffe. Das öffentliche 
Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist eben 

110 



deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so un- 
fruchtbar, weil es sich durch Ausschließung dar Demo- 
kratie die lebendigem Quollen allen geistigen Reichtums 
und Fortschritts absperrt. (Beweis: die Jahre 1905 
und die Monate Februar- Oktober 1917.) Wie dort 
politisch, so auch ökonomisch und sozialistisch. Die 
ganze VolkBmasse muß daran teilnehmen. Sonst wird 
der Sozialismus vom grünen Tisch eines Dutzend 
Intellektueller dekretiert, oktroyert. 

Unbedingt öffentliche Kontrolle notwendig. Sonst 
bleibt der Austausch der Erfahrungen nur in dem 
geschlossen Kreise der Beamten der neuen Regierung. 
Korruption unvermeidlich. (Lenins Worte, Mitteilungs- 
blatt Nr. 29.)*) Die Praxis des Sozialismus erfordert 



*) Damit lind [olgende Sstzo gemeint: 

„Aus zwei Gründen und in zwei verschiedenen Richtungen ist 
die Diktatur beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialis- 
mus notwendig. Der Sieg des 1'roietariats iat zunächst un- 
möglich, ohne die rücksichtslose Unterdrückung der herrschenden 
Klassen, die auf ihre Vorrechte nicht verzichten wollen, und 
die auf eins lange Zeit hinaus alle Hebel in Bewegung setzen 
werden, um die vorhatte Proletarierregiorung zu stürzen. Aui 
der andern Seite ist keino große Revolution, vor allem keine 
sozialistische, möglich, ohne Burgerkrieg, selbst wenn mit 
auswärtigen Mächten Frieden herrecht. Unter solchen Um- 
stünden ist es natürlich, daß zahlreiche Elemente, die zum 
gröäton Teil ihren AnschluB im Kleinbürgertum finden, e? 
nicht unterlassen können, sich in ihrem wahren Uchte zu 
zeigen: durch 'zunehmende Flünilcrun;;, Juhherlum, Best -ch- 
licbkoit und ähnliches. Um mit all dem fertig zu ww '.cn, 
bedarf es einer gewissen Zeit und einer Eisenhand. 



eine ganze geistige Umwälzung in den durch Jahr- 
hunderte der bürgerlichen Klassenherrschaft degra- 
dierten Massen. Soziale Instinkte anstelle egoistischer, 
Masseninitiative anstelle der Trägheit, Idealismus, der 
über alle Leiden hinweg trägt usw. usw. Niemand 
weiS das besser, schildert das eindringlicher, wieder- 
holt das hartnäckiger, als Lenin. Nur vergreift er 
stob völlig im Mittel: Dekret, diktatorische Gewalt 
der Fabrikaufseher, drakonische Strafen, Schreckens- 
herrschaft, das sind alles Mittel, die diese Wieder- 
gebart verhindern. Der einzige Weg zu dieser Wieder- 



In elläa großen Revolutionen hat das Volk die Notwendig- 
keit hierfür eingesehen und ist gegen alle Diebe rücksichtslos 
verfahren, m dem es sie auf dem fleck erschoß. Das Scheitern 
früherer Revolutionen kam daher, daß zur Durchführung dieser; 
Maßregeln die nOtige Begeisterung fohlte, die allein die Kraft 
und Anadauer zu rücksichtsloser Handlung gibt 

Daß die Begeisterung die Massen nicht genügend lange 
beseelte, erklärt zieh aus der verhällnianiäBig geringen Teil- 
nahme des Proletariats. Denn das Proletariat, wenn es zahl- 
reich, disiipliniort und klassenbewußt dasteht, ist allein im- 
stande, die Mehrheit der Arbeitenden und Ausgesogenen an 
sich m liehen und die Macht lange genug zu behalten, um 
alle Aossauger und alle Elemente der Auflösung zu unterdrücken. 

Dies ist die geschichtliche Erfahrung, die Mant in der kurzen, 
doch beredten Formel zusammenfaßt: „Diktatur des Prole- 

Sa bedarf keiner weiteren Ausführung, wie nach dem ganzen 
Zusammenhang Rosa Luxemburg sich die Bekämpfung der 
Korruption durch die Begeisterung der Massen und wie sie 
aicfa diese Aufrechterhaltung vorgestellt hat 

112 



gehurt ist die Schale des öffentlichen Lebens selbst, 
uneingeschränkte breiteste Demokratie, Öffentliche 
Meinung. Gerade die Schreckensherrschaft demo- 
ralisiert, 

Fällt das alles weg, was bleibt in Wirklichkeit? 
Lenin und Trotzki haben an Stelle der aus allgemeinen 
V olli s\v ah ler. hervor gegangenen Vertretungskörper- 
schaften die Sowjets als die einzige wahre Vertretung 
der arbeitenden Massen langes! eilt. "Aber mit dem 
Erdrücken des politischen Lebens im ganzen Lande 
muß auch das Leben in den Sowjets immer mehr er- 
lahmen. Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Prcß- 
und Versammlungsfreiheit, freien Ueinungskampf er- 
stirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird_ 
zum Scheinleben, in der die Bureau kratie allein das 
tätige Element bleibt. Diesem Gesetz entzieht sich 
niemand. Das üffenl liehe Leben schläft allmählich ein, 
einige Dutzend Parteiführer vonunerschttpn icher Energie 
und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, 
unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervor- 
ragender Kopfe und eine Elite der Arbeiterschaft wird 
von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um 
den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten 
Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also 
eine Cliquenwirtschaft — eine Diktatur allerdings, aber 
nicht die Diktatur des Proletariats, ' sondern die Dik- 
tatur einer Handvoll Politiker, d. h. Diktatur im bürger- 
lichen Sinne, im Sinne der Jakobiner-Herrschaft (das 
Verschieben dor Sowjet-Kongresse von drei Monaten 

1)3 



am* sechs Monate!!). Ja noch weiter: solche Zustande 
müssen eine Verwilderung des ü Sunt Ii üben Lebens 
zeitigen: Attentate, Geiselerschießungen usw. 

Lenins Rede Uber Disziplin und Korruption. 

Anarchie wird auch bei uns und überall unver- 
meidlich sein. Lumpenproletarißches Element haftet 
der bürgerlichen Gesellschaft an und läßt sich nicht 
Ton ihr trennen. 

Beweise: 

1. Ostpreußen, die „Kosaken" -Plünderungen. 

2. Der generelle Ausbruch von Raub und Dieb- 
stahl in Deutschland („ Schiebungen", Po st- 
und Eisenbahnpersonal, Polizei, völlige Ver- 
wischung der Grenzen zwischen der wohl- 
geordneteten Gesellschaft und dem Zuchthaus). 

3. Die rapide Verlumpung der Gewerkschafts- 
führer. Dagegen sind die drakonischen Terror- 
maßnahmen machtlos. Im Gegenteil, sie kor- 
rumpieren noch mehr. Das einzige Gegengift: 
Idealismus und soziale Aktivität der Massen, 
unbeschränkte politische Freiheit. 

Das ist ein Ubermächtiges, objektives Gesetz, dem 
sich keine Partei zu entziehen vermag. 

Der Grundfehler der Leniu-Trotzki sehen Theorie 
Ist eben der, daß sie die Diktatur, genau wie Kautsky, 
der Demokratie entgegenstellen. „Diktatur oder Demo- 
kratie" heifit die Fragestellung sowohl bei den Bol- 

114 



schewiki, wie bei Kautsky. Dieser entscheidet sich 
natürlich für die Demokratie und zwar für die bürger- 
liche Demokratie, da er sie eben- als die Alternative 
der sozialistischen Umwälzung hinstellt. Lenin-Trotzki 
entscheiden sich umgekehrt für die Diktatur im Gegen- 
satz zur Demokratie und damit für die Diktatur einer 
Handvoll Personen, d. h. für Diktatur nach bürger- 
lichem Muster. Es sind zwei Gegenpole, beide gleich 
weit entfernt von der wirklichen sozialistischen Politik. 
Das Proletariat kann, wenn es die Macht ergreift, 
nimmermehr nach dem guten Rat Kautskys unter dem 
Vorwand der „Unreife des Landes" auf die sozialistische 
Umwälzung verzichten, und sich nur der Demokratie 
widmen, ohne an sich selbst, an der Internationale 
an der EeTolution Verrat zu üben. Es soll und muß 
eben sofort sozialistische Maßnahmen in energischster, 
unnachgiebigster, rücksichtslosester Weise in Angriff 
nehmen, also Diktatur ausüben, aber Diktatur der 
Klasse, nicht einer Partei oder einer Clique, Diktatur 
der Klasse, d. h. in breitester Öffentlichkeit, unter 
tätigster ungehemmter Teilnahme der Volksmassen, in 
unbeschränkter Demokratie. „Als Marxisten sind wir 
nie Götzendiener der formalen Demokratie gewesen", 
schreibt Trotzki. Gewiß, wir sind nie Götzendiener 
der formalen Demokratie gewesen. Wir sind auch nie 
Götzendiener des Sozialismus oder des Marsismus 
gewesen. Folgt etwa daraus, daß wir auch den 
Sozialismus, den Marxismus, wenn er uns unbequem 
wird, ä la Cunow-Lensch-Parvus, in die Rumpelkammer 



IIS 



werfen dürfen? Trotzki und Lenin Bind die lebendige 
.Verneinung dieser Frage. Wir sind nie Götzendiener 
der formalen Demokratie gewesen, daß heißt nur: wir 
unterschieden stets den sozialen Kern von der politischen 
Form der bürgerlichen Demokratie, wir enthüllten 
stete den herben Kern der sozialen Ungleichheit und 
.Unfreiheit unter der süßen Schale der formalen Gleich- 
heit und Freiheit — nicht um diese zu verwerfen, 
sondern um die Arbeiterklasse dazu anzustacheln, sieh 
nicht mit der Schale zu begnügen, vielmehr die poli- 
tische Macht zu erobern, um sie mit neuem sozialen 
Inhalt zu füllen. Es ist die historische Aufgabe des 
Proletariats, wenn es zur Macht gelangt, anstelle der 
bürgerlichen Demokratie sozialistische Demokratie au 
schaSen, nicht jegliche Demokratie abzuschaffen. Sozi- 
alistische Demokratie beginnt aber nicht erst im gelobten 
Lande, wenn der Unterbau der sozialistischen Wirt- 
schaft geschürten ist, als fortiges Weihnachtsgeschenk 
für das brave Volk, das inzwischen treu die Handvoll 
.sozialistischer Diktatoren unterstützt hat. Sozialistische 
Demokratie beginnt zugleich mit dem Abbau der 
.Klassenherrschaft und dem Aufbau des Sozialismus. 
Sie beginnt, mit dem Moment der Machteroborung durch 
.die sozialistische Partei. Sie ist nichts anderes als 
Diktatur des Proletariats. 

Jawohl: Diktatur! Aber diese Diktatur besteht 
in der Art der Verwendung der Demokratie, 
nicht in ihrer Abschaffung, in energischen, ent- 
schlossenen Eingriffen in die wohlerworbenen Hechle 



und wirtschaftlichen Verhältnisse der bürgerlich« 
Gesellschaft, ohne welche Bich die sozialistische Um- 
wälzung nicht verwirklichen läßt. Aber diese Diktator 
muß das Werk der Klasse und nicht einer kleinen, 
führenden Minderheit im Namen der Klasse sein, d. h. 
■sie muß auf Schritt und Tritt aus der aktiven Teil- 
nahme der Massen hervorgehen, unter ihrer unmittel- 
baren Beeinflussung stehen, der Kontrolle der gesamten 
Öffentlichkeit unterstehen, aus der wachsenden poli- 
tischen Schulung der Volksmassen hervorgehen. 

Genau so würden auch sicher die Bolschewik! 
vorgehen, wenn sie nicht unter dem furchtbaren Zwang 
des Weltkriegs, der deutschen Okkupation und aller 
damit verbundenen abnormen Schwierigkeiten litten, 
die jede von den besten Absichten und den schönsten 
Grundsätzen erfüllte sozialistische Politik verzerren 
müssen. 

Ein krasses Argument dazu bildet die so reich- 
liche Anwendung des Terrors durch die Rateregierung 
und zwar namentlich in der letzton Periode vor dem 
Zusammenbruch dos deutschen Imperialismus, Beit dem 
Attentat auf den deutschen Gesandten. Die Binsen- 
wahrheit, daß Revolutionen nicht mit Rosenwasser 
getauft werden, ist an sich ziemlich dürftig. 

Alles, was in Rußland vorgeht, ist begreiflich und 
eine unvermeidliche Kette von Ursachen und Wirkungen, 
deren Ausgangspunkte und Schlußsteine: das Versagen 
des deutschen Proletariats und die Okkupation Rußlands 



117 



durch den deufschen Imperialismus. Ea hieße, von Lenin 
und Genossen Übermenschliches verlangen, wollte man 
ihnen auch noch zumuten, unter solchen Umstanden 
die schönste Demokratie, die vorbildlichste Diktatur 
des Proletariats und eine blühende sozialistische Wirt- 
schaft hervorzuzaubern, ^io hn.brn durch ihre ent- 
schlossene revolutionäre Haltung, ihre vorbildliche 
Tatkraft und ihre unverbrüchliche Treue dem inter- 
nationalen Sozialismus wahrhaftig geleistet, was unter 
so verteufelt schwierigen Verhältnissen ku leisten- war. 
Das Gefährliche beginnt dort, wo sie aus -der Not die 
Tugend machen, ihre von diesen fatalen Bedingungen 
aufgezwungene Taktik nunmehr theoretisch in allen 
Stücken fixieren und dem internationalen Proletariat 



Dienst, wenn sie in seine Speicher als neue Erkennt- 
nisse all die von Kot und Zwang in Rußland ein- 
gegebenen Schiefheiten eintragen wollen, die letzten 



Mügcn die deutschen Kederungssozialisten 
die Herrschaft der Bolschewik) in Rußland 
Zerrbild der Diktatur des Proletariats. Wor, 



118 



■war oder ist, bo nur, well sie eben ein Produkt der 
Haltung des deutschen Proletariats war, die ein Zerrbild 
auf sozialistischen Klassenkampf war. Wir alle stnJws. 
unter dem Gesetz der Geschichte und die sorialisfedhe 
Gesellschaftsordnung Jäflt sich eben nur international 
durchfahren. Die Bol sehe wiki haben gezeigt, daß sie alles 
können, was eine echte revolutionäre Partei in den Grenzen 
der historischen Möglichkeiten zu leisten imstande ist. Sie 
sollen nicht Wunder wirken wollen. Denn eine muster- 
gültige und fehlerfreie proletarische Revolution in einem 
isolierten, vom Weltkrieg erschöpften, vom Imperialismus 
erdrosselten, vom internationalen Proletariat verratenen 
Lande, wäre ein Wunder. Worauf es ankommt, ist, 
in der Politik der Bolschewiki das Wesentliche vom 
Unwesentlichen, den Kern von dem Zufälligen zu unter- 
scheiden. In dieser leteten Periode, in der wir vor 
entscheid enden Endkämpfen in der ganzen Welt stehen, 
war und ist das wichtigste Problem des Sozialismus 
geradezu die brennende Zeitfrage: nicht diese aber jene 
Detailfrage der Taktik, sondern: die Aktionsfähigkeit 
des Proletariats, die Tatkraft der Massen, der Wille 
zur Macht des Sozialismus überhaupt. In dieser Be- 
ziehung waren die Lenin und Trotzki mit ihren Freunden 
die ersten, die dem Weltproletariat mit dem Beispiel 
vorangegangen sind, sie sind bis jetzt immer noch 
die einzigen, die mit Hutten ausrufen können: Ich 
hab's gewagt! 

Dies ist das Wesentliche und Bleibende der 
Bolschewiki-Politik. In diesem Sinne bleibt ihnen 

119 



das nnsterbEohe geschichtliche Verdienst, mit der Er- 
oberung der politisches Gewalt und der praktischen 
Problemstellung der Verwirklichung des Sozialismus 
dem internationalen Proletariat vorangegangen zu sein 
und die Auseinandersetzung zwischen Kapital und 
Arbeit in der ganzen Welt mächtig vorangetrieben zu 
haben. In Rußland konnte das Problem nur gestellt 
werden. Es konnte nicht in Rußland gelöst werden, 
Und in diesem Sinne gehört die Zukunft überall 
dem „Bolschewismus". 



Verlag Gesellschaft und Erziehung &.mb.R 

Berlin-Fichtenau 



Die Geschichte 

der 

deutschen Revolution 

Von Eduard Bernstein. 
Preis: kart 20,— M. Halb]. 26 — M. 



Die berufenste Feder gibt hier rein un- 
parteiisch die Geschichte der deutschen 
Revolution und des Werdens der deutschen 
Republik. Bernstein gibt eine mit der Gründ- 
lichkeit des Geschichtsforschers verfaßte 
Darstellung, die fließend und spannend ge- 
schrieben ist, Wir Zeitgenossen, die wir 
jene Wochen und Monate miterlebt haben, 
finden hier erstmalig eine zusammengefaßte 
Darstellung jenes Zeitabschnittes von dem 
Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches 
bis zur Konsolidierung der neuen deutschen 
Republik in der Nationalversammlung, die 
der allseitigen Beachtung wert ist. Das 
Buch sei daher zur Anschaffung empfohlen. 



9.B.F. 



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